Die sexuelle Aktivität in Großbritannien nimmt seit Jahrzehnten ab. Laut der groß angelegten Studie „National Survey of Sexual Attitudes and Lifestyles“ (Natsal) hatten 16- bis 44-Jährige im Jahr 1990 durchschnittlich fünfmal im Monat Sex, 2000 waren es viermal, 2010 nur noch dreimal. Neue Zahlen werden in Kürze erwartet – Forscher rechnen mit einem weiteren Rückgang.
Parallel dazu steigen die Verschreibungen von Testosteron deutlich an. Zwischen 2021 und 2024 nahmen sie laut NHS Business Authority um 135 Prozent zu. Hintergrund ist eine wachsende Debatte darüber, ob sinkende Testosteronwerte für nachlassende Libido verantwortlich sind – und ob eine Hormonersatztherapie helfen kann.
Testosteron spielt sowohl bei Männern als auch bei Frauen eine wichtige Rolle für Energie, Stimmung und sexuelles Verlangen. Bei Männern sinkt der Spiegel ab etwa 30 Jahren jährlich um rund ein Prozent. Bei Frauen nimmt er bereits zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr ab und bleibt in den Wechseljahren auf niedrigerem Niveau.
Einige Experten verweisen darauf, dass Übergewicht, Diabetes und Bewegungsmangel den Testosteronspiegel zusätzlich senken können. Andere betonen jedoch, dass ein niedriger Wert nicht automatisch eine geringe Libido bedeutet. Zudem seien Stress, psychische Belastungen, veränderte Lebensgewohnheiten und digitale Ablenkung mögliche Ursachen für den allgemeinen Rückgang sexueller Aktivität.
Während private Kliniken Testosterontherapien offensiv bewerben und eine Versorgungslücke im staatlichen Gesundheitssystem sehen, warnen manche NHS-Ärzte vor einer Kommerzialisierung komplexer Gesundheitsprobleme. Die Leitlinien empfehlen Testosteron für Frauen nur in bestimmten Fällen nach Ausschluss anderer Ursachen. Für Männer variieren die Grenzwerte je nach medizinischer Empfehlung.
Neben möglichen positiven Effekten wie gesteigerter Energie und Libido kann die Therapie Nebenwirkungen haben, darunter Gewichtszunahme, Akne, Stimmungsschwankungen oder Fruchtbarkeitsprobleme.
Die zentrale Frage bleibt: Ist Testosteron eine wirksame Antwort auf sinkende Lust – oder wird ein vielschichtiges gesellschaftliches Phänomen zu stark hormonell erklärt?
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