Kampfansage ans Endlosscrollen
Es gibt Bewegungen, die gehen in die Geschichte ein. Der aufrechte Gang. Die Mondlandung. Und das Endlosscrollen.
Nun aber könnte Schluss sein mit dem digitalen Daumenmarathon. In den USA und in Brüssel geraten TikTok, Meta, Google & Co. zunehmend unter Druck. Nicht wegen Katzenvideos oder Tanz-Challenges – sondern wegen des Designs ihrer Apps. Genauer gesagt: wegen der Funktion, die nie endet.
Man scrollt.
Und scrollt.
Und scrollt.
Und plötzlich ist es 4.39 Uhr nachts.
Gericht gegen Daumen
In Los Angeles wird derzeit verhandelt, ob Plattformen wie YouTube und Instagram ihre Nutzer mit algorithmischen Empfehlungen, Push-Benachrichtigungen und unendlich nachladendem Content gezielt in eine Art digitalen Sog ziehen.
Die Klägerin, die bereits als Kind mit Social Media begann, macht die Plattformen für Depressionen und Angstzustände verantwortlich. Die Unternehmen kontern: Man habe Schutzmechanismen eingebaut. Bildschirmzeit-Erinnerungen zum Beispiel. Diese kleinen Hinweise, die man reflexartig wegwischt.
TikTok als Spielautomat?
Kritiker vergleichen das Design mit einem Glücksspielautomaten: Man weiß nie, ob das nächste Video langweilig ist – oder ein Volltreffer. Genau dieses Prinzip der „variablen Belohnung“ sorgt laut Experten dafür, dass Nutzer weitermachen. Vielleicht kommt ja gleich das beste Video aller Zeiten.
Spoiler: Es kommt nie.
Europa zieht die Notbremse
Auch in Brüssel wird ernsthaft darüber diskutiert, das Endlosscrollen abzuschaffen. Ja, wirklich. Die EU-Kommission prüft, ob das Design von TikTok süchtig mache – besonders bei Kindern.
Das wäre ein historischer Moment: Zum ersten Mal würde eine Behörde nicht Inhalte regulieren, sondern den Mechanismus dahinter. Den Motor der Aufmerksamkeitsökonomie. Das Herzstück des Geschäftsmodells: Bleib. Noch. Ein. Video.
Der wahre Wendepunkt?
Sollten Gerichte tatsächlich entscheiden, dass Endlosscrollen problematisch ist, müssten Konzerne ihre Plattformen umbauen. Mit Stopptaste. Mit natürlichem Ende. Vielleicht sogar mit einem Satz wie: „Das war’s für heute. Geh schlafen.“
Und das wäre vermutlich die radikalste Innovation im Silicon Valley seit der Erfindung des Like-Buttons.
Bis dahin gilt:
Der Daumen entscheidet.
Oder der Algorithmus.
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