Immer mehr Patienten stehen verzweifelt vor leeren Apothekenregalen – von ADHS-Medikamenten über Antibiotika bis hin zu Krebs- und Schmerzmitteln. Was früher selbstverständlich war, wird heute zum Glücksspiel: Bekomme ich mein Medikament noch – oder nicht?
Die 46-jährige Donia Youssef aus Essex erlebt das monatlich. Ihr ADHS-Medikament Elvanse ist oft nicht verfügbar. Ohne es, sagt sie, werde jeder Tag zur Herausforderung – und wenn sie auf teure Alternativen ausweichen muss, wird auch das Konto krank.
Das ist kein Einzelfall: Laut der American Medical Association ist die weltweite Arzneimittelknappheit inzwischen eine „dringende gesundheitspolitische Krise“. Allein in den USA waren im Herbst 2025 noch 214 Medikamente knapp, in Großbritannien über 130. In Europa melden fast alle Länder Engpässe – teils bei 400 bis 800 Präparaten gleichzeitig.
Warum fehlen plötzlich so viele Medikamente?
Die Ursachen sind ein perfekter Sturm:
- Nachfrage-Explosionen nach Corona, etwa durch Atemwegsinfekte oder durch Hormon- und Abnehmpräparate wie Ozempic und Wegovy, die durch Social Media zum Lifestyle-Trend wurden.
- Überalterung der Gesellschaft, die den Medikamentenbedarf langfristig steigen lässt.
- Preisdumping bei Generika, das viele Hersteller aus dem Markt drängt. In Großbritannien sind die Preise so niedrig, dass Antibiotika teilweise billiger sind als Kaugummis – ein ruinöser Wettbewerb.
- Zerfall der Lieferketten: Rund 90 % der Wirkstoffe stammen aus China oder Indien. Handelszölle, politische Spannungen und Qualitätsprobleme nach der Pandemie führten zu Produktionsstopps.
- Behördliche Rückstände: Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat nach pandemiebedingten Pausen noch tausende Inspektionen nachzuholen; das britische MHRA braucht bis zu 30 Monate, um Lizenzen für neue Hersteller zu erteilen.
Das Ergebnis: Patienten als Leidtragende
Viele Betroffene müssen Dosen strecken, Apotheken abklappern oder teure Privatrezepte zahlen. Apotheker wie Thorrun Govind berichten, sie verbrächten „Stunden jede Woche“, um überhaupt Medikamente zu beschaffen.
Die Politik reagiert spät: Großbritannien will inländische Produktion fördern, die USA koordinierte Krisenpläne einführen. Experten fordern zudem, dass Hersteller künftig auch nach Lieferzuverlässigkeit bewertet werden – nicht nur nach Preis.
Doch bis diese Reformen greifen, bleibt die Lage kritisch. Für Millionen chronisch Erkrankte bedeutet das: Medikamente sind keine Selbstverständlichkeit mehr – sondern eine Frage des Glücks und der globalen Logistik.
Kommentar hinterlassen