Als Christian Fell am Freitagmorgen bemerkte, wie Wasser in sein Haus eindrang, war es bereits zu spät. Der Bewohner der Kleinstadt Hunt im US-Bundesstaat Texas gehört zu Hunderten Menschen, die von den schweren Überschwemmungen in Südzentral-Texas überrascht wurden. Mindestens 120 Menschen kamen ums Leben – allein 95 davon im besonders betroffenen Kerr County.
„Ich wollte durch die Küche zu meinem Truck flüchten, doch als ich die Tür öffnete, kam eine riesige Wand aus Wasser auf mich zu“, schilderte Fell dem britischen Sender BBC. „Ich versuchte, die Tür zu schließen, aber das Wasser war zu stark.“
Er rettete sich über im Wasser treibende Möbelstücke ins Schlafzimmer, schwamm durch ein Fenster und kletterte auf einen Stromzählerkasten außerhalb des Hauses – wo er ganze drei Stunden lang ausharrte, bis er einen Polizisten auf der Straße sah.
„Ich klammerte mich an die Hauswand und betete, dass das Wasser endlich aufhört“, sagte Fell. Eine offizielle Wetterwarnung habe er erst erhalten, als das Wasser schon ins Haus gedrungen war.
Über 150 Vermisste – Kinder unter den Opfern
Die Flutkatastrophe traf viele Bewohner völlig unvorbereitet. Laut Larry Leitha, Sheriff von Kerr County, sind allein dort noch über 150 Menschen vermisst – darunter fünf Kinder und eine Betreuerin eines christlichen Mädchensommerlagers am Ufer des Guadalupe River.
Besonders tragisch: Mindestens 36 Kinder und 59 Erwachsene starben allein in diesem Landkreis.
Rettungskräfte durchkämmen weiter Trümmer und überschwemmte Gebiete mit schwerem Gerät. Irwin Redlener, Katastrophenschutzexperte an der Columbia University, erklärt: „Mit jeder Stunde sinkt die Hoffnung, noch Überlebende zu finden. Besonders in Fluten können Menschen schwer verletzt, isoliert oder weggespült worden sein.“
„Wie in einem Albtraum“
Im „Camp Mystic“, einem beliebten christlichen Sommerlager, mussten Dutzende Mädchen evakuiert werden. Die Betreuerinnen Maria Paula Zarate und Silvana Garza Valdez berichten von einer Nacht, in der niemand schlafen konnte: Der Regen sei „so laut wie nie zuvor“ gewesen.
„Als wir evakuiert wurden, kamen Militärlaster. Einige Betreuerinnen begannen zu weinen. Es fühlte sich an wie ein Traum“, sagte Garza Valdez. In der reißenden Flut seien Möbel aus anderen Lagern den Fluss hinuntergetrieben.
Warnungen kamen zu spät?
Angesichts des verheerenden Ausmaßes mehren sich die Fragen: Hätten die Behörden früher warnen müssen? Gab es genug Zeit für Evakuierungen?
Texas’ Gouverneur Greg Abbott verteidigte die Behörden: Zwar habe man mit einem Unwetter gerechnet, doch „wir wussten nicht, wie extrem es wirklich werden würde“.
In Kerrville, der Kreisstadt, konnten Einsatzkräfte innerhalb der ersten Stunde über 200 Menschen retten und über 100 Häuser evakuieren, so Jonathan Lamb von der örtlichen Polizei. „Dieses Unglück hätte noch viel schlimmer ausgehen können“, betonte er.
Für Menschen wie Christian Fell bleibt die Erfahrung traumatisch – aber auch ein Zeichen von Überlebenswillen. „Ich bin einfach nur dankbar, noch am Leben zu sein“, sagte er.
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