In Caracas zeigt sich ein Land im Übergang – und eine junge Generation zwischen Hoffnung und tiefer Skepsis. Drei Monate nach der Festnahme von Ex-Präsident Nicolás Maduro durch US-Kräfte ist politisch vieles in Bewegung geraten, doch im Alltag scheint sich für viele wenig verändert zu haben.
Am Flughafen und entlang der Straßen dominieren weiterhin Propagandabilder: Fahndungsplakate gegen Oppositionspolitiker, dazu großflächige Kampagnen für Maduro und seine Ehefrau. Bei regierungsnahen Kundgebungen fordern Anhänger lautstark seine Rückkehr. „Wir haben einen legitimen Präsidenten, der jetzt ein Kriegsgefangener ist“, sagt ein junger Demonstrant.
Hinter vorgehaltener Hand klingt es jedoch oft anders. Einige Teilnehmer solcher Veranstaltungen berichten, sie seien zur Teilnahme verpflichtet worden – andernfalls drohten Nachteile. Eine junge Staatsangestellte schildert, wie finanzielle Boni an die Teilnahme gekoppelt seien. Kritik äußert sie nur anonym. Selbstzensur sei Alltag.
Seit Maduros Sturz führt Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez die Regierung und sucht demonstrativ die Nähe zu den USA. Washington spricht inzwischen von einer „hervorragenden“ Zusammenarbeit, verweist auf die Freilassung politischer Gefangener sowie neue Wirtschaftsabkommen. Doch viele junge Venezolaner bezweifeln, dass sich dadurch grundlegend etwas verändert.
Die Forderung nach einem echten Neuanfang ist weit verbreitet. Einige sehen weiterhin zentrale Figuren des alten Systems in Schlüsselpositionen und sprechen von anhaltender Repression. Andere wiederum setzen auf schrittweise Reformen – auch, um neue Konflikte zu vermeiden.
Die wirtschaftliche Lage bleibt für viele prekär. Niedrige Löhne, hohe Preise, instabile Stromversorgung und begrenzte Bildungschancen prägen den Alltag. Während einige junge Menschen auf Veränderung im Land hoffen, planen andere längst ihre Ausreise. „Ich will einfach irgendwo leben, wo Strom selbstverständlich ist“, sagt eine 25-jährige Lehrerin, die nach Spanien gehen möchte.
Auch politisch ist die junge Generation gespalten. Einige unterstützen die Opposition um Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado, andere warnen vor neuen Abhängigkeiten – etwa durch den wachsenden Einfluss der USA. Zustimmung findet hingegen über Lager hinweg der Wunsch nach mehr Freiheit, weniger Korruption und einem Ende der Polarisierung.
An Universitäten formieren sich neue politische Initiativen. Studierende diskutieren über Reformen, wirtschaftliche Stabilisierung und einen möglichen Weg zu freien Wahlen. Der Ton ist oft pragmatisch, der Anspruch groß – doch die Unsicherheit bleibt.
Für viele ist Demokratie bislang eher Vorstellung als Erfahrung. „Ich stelle sie mir wie einen Traum vor“, sagt eine junge Venezolanerin. Ein Satz, der die Lage im Land vielleicht treffender beschreibt als jede politische Analyse.
Kommentar hinterlassen