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USA: Ein Jahr nach Enthüllung: Noch immer Tausende Vergewaltigungs-Kits unbearbeitet – US-Justizministerium reagiert mit Appell

GDJ (CC0), Pixabay
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Ein Jahr nach einer umfassenden USA TODAY-Recherche zur unzureichenden Bearbeitung von Vergewaltigungs-Kits in den USA hat das US-Justizministerium nun einen Bericht veröffentlicht, der Polizei und Staatsanwaltschaften auffordert, DNA-Treffer aus alten Fällen systematisch zu verfolgen.

Doch Kritiker zweifeln an der Wirkung: Die Empfehlungen sind nicht bindend, und das zentrale Förderprogramm der Regierung enthält keine Sanktionen für Behörden, die Hinweise ignorieren.


Millionenförderung, aber kaum Ergebnisse

Seit 2015 wurden durch das Sexual Assault Kit Initiative-Programm fast 350 Millionen Dollar an Bundesmitteln ausgeschüttet. Ziel ist es, lokale und staatliche Behörden beim Testen und Verfolgen alter Vergewaltigungs-Kits zu unterstützen. Doch laut USA TODAY zeigen sich die gleichen strukturellen Probleme wie zuvor:

  • Untersuchungen werden verzögert oder unterbleiben ganz
  • Opfer werden nicht informiert, wenn DNA-Ergebnisse vorliegen
  • Treffer im nationalen DNA-Register CODIS werden ignoriert oder „versehentlich übersehen“

Bericht fordert klare Richtlinien und mehr digitale Nachverfolgung

Der aktuelle Bericht empfiehlt die Einführung verbindlicher Abläufe, sobald ein DNA-Treffer im CODIS-System erfolgt:

  • Digitale Benachrichtigungen, nicht per Post oder an Einzelpersonen, die möglicherweise nicht mehr im Dienst sind
  • Zeitvorgaben für die Fallbearbeitung und automatische Eskalationen, wenn Ermittlungen nicht rechtzeitig beginnen
  • Zentralisierte Aktenführung, um Informationen für mehrere Stellen zugänglich zu machen

Dennoch bleibt vieles vage – besonders bei der Frage, wie und wann Opfer informiert werden müssen.


Beispiel Louisiana: Über 2.400 Täter trotz DNA-Spuren nicht gefasst

Allein im Bundesstaat Louisiana liegen nach offiziellen Angaben DNA-Treffer zu mindestens 2.400 Straftaten, darunter Vergewaltigungen und Morde, ungeklärt vor. Laut einer E-Mail des Leiters des dortigen Kriminallabors seien die Gründe unter anderem:

  • Personalmangel
  • Unklare Zuständigkeiten
  • Langsame Verfahren in der Justiz

Senatorin Beth Mizell aus Louisiana fordert Konsequenzen: „Mit diesen Beweisen können wir Anklage erheben. Das ist der erste Schritt zu Gerechtigkeit für die Überlebenden.“


Fördermittel ohne Pflicht zur Aufarbeitung

Das Justizministerium schreibt keine konkreten Ergebnisse oder Ermittlungsfortschritte vor. Behörden, die Fördergelder erhalten, müssen keine Mindestanzahl an Kits testen oder Opfer informieren. So gab der Bundesstaat Maryland im vergangenen Jahr 600.000 US-Dollar ungenutzt zurück.

Ein großer Teil der Gelder – rund 29 Millionen Dollar – fließt in Schulungen durch das Forschungsinstitut RTI International. Doch auch hier bleiben Methoden und Wirkung undurchsichtig: Interviewanfragen von USA TODAY wurden abgelehnt.


Opfer oft nicht über Ergebnisse informiert

Ein besonders kritischer Punkt bleibt: Viele Überlebende von Sexualstraftaten erfahren nie, ob ihre Kits getestet wurden oder ob ein Täter identifiziert wurde.

USA TODAY wertete 42 interne Richtlinien zur Opferbenachrichtigung aus:

  • Nur acht Behörden empfehlen, alle oder fast alle Opfer zu informieren
  • In mehreren Fällen sollen Opfer nur dann kontaktiert werden, wenn eine Strafverfolgung realistisch erscheint
  • Einige Behörden informierten nur eine Person pro 43 getesteter Kits

In Wichita, Kansas etwa wurden von über 1.100 Kits nur 17 Opfer kontaktiert – obwohl Ermittler in einigen Fällen bereits Namen der Verdächtigen kannten.


Fallbeispiel: Kim Bergman wartet seit 2005 auf Antworten

Die heute 39-jährige Kim Bergman aus Kansas City wurde mit 19 Jahren mutmaßlich vergewaltigt. Ihre Freunde riefen damals die Polizei, sie machte eine Untersuchung, ein sogenanntes Rape Kit wurde angelegt – doch sie hörte nie wieder etwas davon.

Erst viele Jahre später erfuhr sie auf eigene Nachfrage, dass das Kit negativ getestet wurde – aber sie war nie darüber informiert worden.

„Selbst wenn kein Treffer vorliegt, ist das eine wichtige Information“, sagt Bergman heute. „Das hätte ein Moment sein können, in dem man mir Hilfe anbietet. Und wer weiß, vielleicht hätte es damals schon Muster gegeben.“


Fazit: Reformdruck steigt, doch echte Verpflichtungen fehlen

Die neuen Richtlinien des Justizministeriums sind ein Schritt in die richtige Richtung, meinen viele Expertinnen und Experten – doch ohne gesetzliche Verpflichtungen oder Sanktionen für Untätigkeit bleibt die Umsetzung freiwillig.

Viele Betroffene und Aktivisten wie Kim Bergman fordern daher weiter: Transparenz, Kommunikation und Gerechtigkeit – unabhängig vom DNA-Treffer.

 


 

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