Nach zwei tödlichen Polizeieinsätzen in Minnesota, bei denen US-Einwanderungsbeamte (ICE) zwei US-Bürger erschossen, hat sich in den USA ein regelrechter Video-Krieg auf Social Media entfacht. Aktivisten filmen Festnahmen und bezeichnen die Clips als Beweise für polizeiliche Übergriffe – gleichzeitig filmen die Behörden zurück. Beide Seiten veröffentlichen ihre Sicht der Dinge – in einem zunehmend angespannten digitalen Schlagabtausch.
Der Hintergrund: Die Todesfälle von Renee Nicole Good und Alex Pretti, beide durch Schüsse von ICE-Beamten getötet, haben landesweit Empörung ausgelöst. In beiden Fällen kursieren mittlerweile Handyvideos im Netz, die teilweise den offiziellen Behördenberichten widersprechen.
Behörden filmen zurück – und drohen mit „Terror“-Etikett
Besonders brisant: In einem viral gegangenen Video ist ein ICE-Beamter zu sehen, der eine Demonstrantin mit seinem Handy filmt – mit den Worten:
„Wir haben eine schöne kleine Datenbank. Ab jetzt sind Sie als inländische Terroristin gelistet.“
Auch der Beamte, der Good erschoss, soll laut dem Portal Alpha News den Vorfall selbst per Kamera dokumentiert haben. Ein 47-Sekunden-Clip aus seiner Perspektive wurde veröffentlicht und mehrfach von Regierungsvertretern geteilt – darunter auch Vizepräsident JD Vance, der von „Selbstverteidigung“ sprach und „medialer Unehrlichkeit“ warf.
Aktivisten: Videos als Lebensversicherung
Zahlreiche zivilgesellschaftliche Organisationen und lokale Politiker wie Minnesotas Gouverneur Tim Walz fordern die Bevölkerung auf, ICE-Einsätze weiterhin zu filmen – als Mittel zur öffentlichen Kontrolle und Beweissicherung.
„Diese Videos sind ein zentrales Werkzeug, um staatliche Akteure zur Verantwortung zu ziehen“, sagte Alexa Koenig vom Human Rights Center der UC Berkeley.
Die Organisation States at the Core berichtete, dass nach den Vorfällen in Minneapolis tausende Menschen an Online-Schulungen zur rechtssicheren Dokumentation von Polizeieinsätzen teilnahmen.
Behörden rüsten kommunikativ auf
Auch die Gegenseite nutzt zunehmend Social Media, um das eigene Vorgehen in Szene zu setzen. Dramatische Einsatzvideos von ICE und dem Heimatschutzministerium DHS werden gezielt gepostet – oft mit einem selbstbewussten, teils konfrontativen Ton.
„Die Behörden versuchen, die öffentliche Meinung durch eigene Bilder zu prägen“, sagt Yini Zhang, Politikwissenschaftlerin an der Universität Buffalo.
Laut Berichten nutzen ICE-Beamte Social Media nicht nur zur Eigenwerbung – sondern auch zur gezielten Überwachung von Aktivisten. Apps und Facebook-Gruppen, mit denen Bürger ICE-Bewegungen nachverfolgen konnten, wurden auf Druck des Justizministeriums entfernt.
Kritik an Einschränkungen der Pressefreiheit
Rechtsanwältin Sophia Cope von der Electronic Frontier Foundation betont, dass Bürger in den USA ein verbrieftes Grundrecht darauf haben, Polizeibeamte bei der Arbeit zu filmen – solange sie die Arbeit nicht aktiv behindern.
„Das ist durch den ersten Verfassungszusatz klar geschützt“, sagt Cope.
Dennoch kommt es laut Berichten immer wieder zu Einschüchterungsversuchen, Verhaftungsdrohungen und technischen Barrieren, die die freie Berichterstattung einschränken.
Fazit: Zwei Wahrheiten – zwei Perspektiven
Was früher nur Behörden dokumentierten, liegt heute in der Hand der Öffentlichkeit – und wird direkt in den digitalen Gerichtshof von TikTok, X und Instagram gebracht.
Doch Expertinnen warnen: Ein einzelner Videoclip kann täuschen. Die Wahrheit liegt oft zwischen den Perspektiven – oder in mehreren Frames, die nie gepostet wurden.
Kommentar hinterlassen