Die wirtschaftliche Stimmung in der US-amerikanischen Mittelschicht hat sich in den vergangenen Monaten deutlich eingetrübt. Steigende Preise, eine angespannte Lage am Arbeitsmarkt und die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich sorgen für Unsicherheit.
Laut dem jüngsten Verbraucherindex der Universität Michigan fiel das Konsumklima im September auf 55,4 Punkte – ein markanter Rückgang gegenüber 70,1 Punkten im Vorjahresmonat. Besonders stark sei der Vertrauensverlust bei Haushalten mit mittlerem oder niedrigem Einkommen, erklärte die Studienleiterin Joanne Hsu.
Auch tägliche Umfragen des Analyseunternehmens Morning Consult zeichnen ein düsteres Bild: Während wohlhabendere Haushalte (über 100.000 US-Dollar Jahreseinkommen) die wirtschaftliche Lage weiterhin vergleichsweise optimistisch beurteilen, hat sich die Stimmung in der Mittelschicht (50.000 bis 100.000 USD) seit dem Sommer deutlich verschlechtert. Im Juni sank ihr Indexwert von einem Hoch bei 113,2 auf nur noch 99,5 Punkte – ein Wert, der bereits auf wirtschaftliche Skepsis hindeutet. Mitte September lag der Index bei 98,7 Punkten.
Einzelhandel spürt Zurückhaltung – besonders bei der Mittelschicht
Diese Entwicklung zeigt sich auch im Konsumverhalten: Große Handelsketten wie Walmart, Kohl’s und Dollar General berichten von einem deutlich sparsameren Einkaufsverhalten der Mittelschicht. Kunden würden verstärkt auf günstigere Produkte ausweichen und weniger einkaufen. Während sich wohlhabendere Verbraucher weitgehend krisenresistent zeigen, geraten mittlere und untere Einkommensgruppen zunehmend unter Druck.
Die Ursachen für diese Unsicherheit sind vielfältig. Zwar hat sich die Inflation gegenüber dem Höhepunkt der vergangenen Jahre etwas beruhigt, dennoch bleiben Lebenshaltungskosten hoch. Gleichzeitig wächst die Sorge um den Arbeitsmarkt: Im August wurden lediglich 22.000 neue Stellen geschaffen. Für Juni mussten sogar Stellenverluste gemeldet werden – ein Novum seit der Pandemie. Die Arbeitslosenquote liegt bei 4,3 Prozent – dem höchsten Stand seit Oktober 2021.
Trumps Versprechen und die Realität
Während des Wahlkampfs hatte Präsident Donald Trump vollmundig ein goldenes Zeitalter für die Mittelschicht angekündigt. Doch trotz solcher Versprechen hat sich ihre wirtschaftliche Lage bislang kaum verbessert. Die Reallöhne liegen laut aktuellen Daten unter dem Niveau von vor fünf Jahren, und auch die Beschäftigungserholung lässt auf sich warten.
Demgegenüber floriert die Oberschicht. Nach einer Analyse von Moody’s Analytics entfällt mittlerweile fast die Hälfte aller Konsumausgaben auf das oberste Einkommenszehntel. Diese profitieren massiv vom Anstieg der Aktienkurse und Immobilienpreise – Vermögenswerte, die der Mittelschicht nur in begrenztem Umfang zur Verfügung stehen. Zwar besitzen auch viele mittlere Haushalte Immobilien oder Rentenfonds, doch ihr Anteil am Vermögen ist im Vergleich zu den Reichsten verschwindend gering.
„Ein immer größerer Teil der Bevölkerung sieht sich wirtschaftlich in einer ähnlichen Lage – während sich die Spitzenverdiener zunehmend absetzen“, konstatiert Lindsay Owens vom progressiven Thinktank Groundwork Collaborative.
Mittelschicht zunehmend abhängig vom Arbeitsmarkt
Während reiche Haushalte ihr Vermögen durch Kapitalanlagen vermehren, ist die Mittelschicht nach wie vor stark auf Arbeitseinkommen angewiesen. Ökonom Mark Zandi von Moody’s warnt: Viele Familien hätten ihre während der Pandemie aufgebauten Ersparnisse inzwischen aufgebraucht – teils überschuldet durch steigende Kreditkartenzinsen, Autokredite oder Studiengebühren.
Zugleich wächst die Sorge, dass sich die wirtschaftliche Abhängigkeit von den Spitzenverdienern rächen könnte. Sollte die Börse einbrechen, könnte der Konsum der Oberschicht einbrechen – mit Folgen für die Gesamtwirtschaft.
„Das System ist mittlerweile so stark auf die Ausgaben des obersten Einkommensdezils angewiesen“, so Zandi, „dass eine negative Entwicklung an den Märkten das ganze wirtschaftliche Gleichgewicht ins Wanken bringen könnte.“
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