Obwohl in Deutschland seit Jahren eine Krankenversicherungspflicht besteht, waren im Jahr 2023 rund 72.000 Menschen völlig ohne Krankenversicherungsschutz. Das teilte das Statistische Bundesamt mit. Damit betrifft das Problem zwar weniger als 0,1 Prozent der Bevölkerung, dennoch zeigt die Zahl, dass tausende Menschen durchs soziale Netz fallen.
Besonders betroffen: Männer und Selbstständige
Nach Angaben der Statistiker betrifft der fehlende Versicherungsschutz überwiegend Männer. Häufig handelt es sich um Selbstständige, Geringverdiener oder Menschen in prekären Lebenslagen, die sich weder freiwillig gesetzlich noch privat versichern. Einige verlieren den Anschluss an das Versicherungssystem nach einer Arbeitslosigkeit oder wegen ausstehender Beiträge.
Sozialverbände warnen seit Jahren, dass gerade Selbstständige mit schwankendem Einkommen durch hohe Mindestbeiträge in die Schuldenfalle geraten und sich dann aus Scham oder Angst vor Nachzahlungen gar nicht mehr versichern.
Lücken im System trotz Versicherungspflicht
In Deutschland gilt grundsätzlich: Jede Person mit Wohnsitz im Inland muss krankenversichert sein – entweder in einer gesetzlichen Krankenkasse oder bei einer privaten Krankenversicherung.
Doch in der Praxis funktioniert das nicht immer: Wer sich etwa nach einer Trennung, einem Jobverlust oder einem Umzug ins Ausland und zurück nicht rechtzeitig neu anmeldet, kann vorübergehend ohne Versicherungsschutz sein.
Auch Wohnungslose, Papierlose oder Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus tauchen in der Statistik auf – Gruppen, die häufig keinen Zugang zu regulärer Gesundheitsversorgung haben.
Gesundheitsrisiko und soziale Folgen
Menschen ohne Krankenversicherung sind oft gezwungen, Arztbesuche und Medikamente zu vermeiden, selbst bei ernsten Erkrankungen. Nicht selten suchen sie erst dann Hilfe, wenn der gesundheitliche Zustand lebensbedrohlich wird.
„Kein Mensch in Deutschland sollte aus finanziellen Gründen auf medizinische Hilfe verzichten müssen“, sagte ein Sprecher der Bundesärztekammer. „Dass Zehntausende dennoch unversichert bleiben, ist ein Alarmsignal.“
Kliniken und Hilfsorganisationen berichten von einer wachsenden Zahl unbehandelter chronischer Krankheiten bei Nichtversicherten – von Diabetes bis Herzproblemen.
Forderungen nach Reformen
Sozialverbände und Krankenkassen fordern, den Zugang zu einer Grundversicherung zu erleichtern und bürokratische Hürden abzubauen. Auch eine bessere Aufklärung über Versicherungspflichten wird angemahnt, um Menschen rechtzeitig zu erreichen, bevor sie aus dem System fallen.
Einige Experten schlagen vor, automatische Wiedereinschreibungen oder staatlich finanzierte Notfallversicherungen einzuführen – ähnlich wie in anderen EU-Ländern.
Fazit
Die Statistik zeigt: Auch in einem hochentwickelten Sozialsystem wie Deutschland gibt es Menschen ohne grundlegende medizinische Absicherung.
Was auf dem Papier wie eine Randerscheinung wirkt, bedeutet für die Betroffenen oft ein Leben zwischen Bürokratie, Angst und Krankheit.
Die Versicherungspflicht ist damit zwar ein starkes Instrument – aber kein Garant für Gesundheitsschutz für alle.
Kommentar hinterlassen