Eigentlich wollte Diane Wetherington ihren Ruhestand genießen. Nach Jahrzehnten im Staatsdienst hatte sie sich 2020 zur Ruhe gesetzt, mit großen Plänen: reisen, Zeit mit den sechs Enkeln verbringen, endlich den Garten in Ruhe pflegen. Doch der Traum vom entspannten Lebensabend ist für die 73-Jährige geplatzt – dank steigender Lebenshaltungskosten.
„Ich dachte, ich sei finanziell gut aufgestellt“, sagt Wetherington. „Doch jetzt arbeite ich wieder – nicht aus Langeweile, sondern weil es anders nicht mehr geht.“
Sie gehört zu einer wachsenden Gruppe von sogenannten „Un-Retirees“ – also Menschen, die ihren Ruhestand unterbrechen oder ganz aufgeben müssen, um sich das Leben leisten zu können.
Rentner kehren zurück – aus Notwendigkeit
Laut einer neuen Umfrage des US-Seniorenverbands AARP ist mittlerweile jeder zehnte Rentner in den USA wieder berufstätig. Fast die Hälfte von ihnen gibt an, dass die steigenden Kosten des Alltags sie zurück in den Job treiben.
„Das ist mehr als ein Trend – das ist eine Alarmglocke“, sagt Carly Roszkowski, Vizepräsidentin für Finanzresilienz bei AARP. „Es geht nicht nur darum, dass die Leute Angst haben, ihr Erspartes könnte nicht reichen – viele kommen heute nicht über die Runden.“
Kostenexplosion bei Miete, Lebensmitteln, Versicherungen
Besonders betroffen sind Rentner mit niedrigem Einkommen, Alleinstehende und Frauen. Über 20 Prozent der Haushalte über 65 leben nahezu ausschließlich von der gesetzlichen Rente – die in den USA im Schnitt weniger als die Hälfte des früheren Einkommens ersetzt. Mehr als 50 Prozent der über 55-Jährigen haben keine privaten Ersparnisse.
Auch Wetherington spürt den Preisdruck. „Haus- und Autoversicherung sind deutlich teurer geworden, dazu die Lebensmittelpreise – das summiert sich“, sagt sie. Reisen habe sie gestrichen, stattdessen arbeite sie wieder in Teilzeit im Homeoffice.
Ruhestand: Privileg statt Selbstverständlichkeit
Die Zahl der arbeitenden Senioren ist in den vergangenen 40 Jahren explodiert: 38 Millionen Menschen ab 55 sind derzeit in den USA aktiv im Arbeitsmarkt – mehr als doppelt so viele wie 1985.
„Viele arbeiten freiwillig weiter, weil sie sich fit fühlen oder etwas Sinnvolles tun wollen“, sagt Roszkowski. Doch der aktuelle Boom der „Un-Ruheständler“ sei kein Ausdruck von Tatendrang, sondern von wirtschaftlicher Not.
Laut einer Studie von T. Rowe Price sind 20 Prozent der Rentner derzeit wieder berufstätig, weitere 7 Prozent suchen aktiv einen Job.
Und was, wenn keiner einstellt?
Problematisch wird es, wenn diese Rückkehrwilligen nicht mehr in den Arbeitsmarkt finden. Die Konjunktur schwächelt, Unternehmen bauen Stellen ab – die Arbeitslosigkeit steigt. Gerade Senioren mit geringen Qualifikationen, gesundheitlichen Einschränkungen oder langen Auszeiten haben es schwer, einen neuen Job zu ergattern.
Geoffrey Sanzenbacher, Forscher am Center for Retirement Research in Boston, warnt: „Diejenigen, die zurück ins Arbeitsleben müssen, sind oft auch die, die am wenigsten Chancen haben.“
Fazit: Ruhestand in Gefahr
Die klassische Vorstellung vom Ruhestand – Jahrzehnte arbeiten, dann ein sorgenfreier Lebensabend – ist für viele Amerikaner nicht mehr realistisch. Stattdessen wird der Ruhestand zum Luxus, den sich nicht mehr alle leisten können.
„Ich arbeite gern“, sagt Diane Wetherington. „Aber mit 73 hätte ich mir mein Leben trotzdem anders vorgestellt.“
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