Mit einer umstrittenen Aussage hat die US-Regierung unter Ex-Präsident Donald Trump eine heftige Debatte ausgelöst: Während einer Gedenkveranstaltung für den konservativen Aktivisten Charlie Kirk behauptete Trump, man habe die „Antwort auf Autismus“ gefunden – angeblich sei der Gebrauch von Tylenol (Wirkstoff: Paracetamol) während der Schwangerschaft mitverantwortlich für Autismus bei Kindern.
Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. (HHS) bekräftigte diese These bei einer anschließenden Pressekonferenz und sprach zudem von möglichen neuen Behandlungsansätzen wie dem Medikament Leucovorin, das nun vorrangig für eine Zulassung geprüft werden solle.
Wissenschaftlich unbegründet – Kritik von allen Seiten
Expert:innen, Selbstvertretungsorganisationen und Menschen aus der Autismus-Community reagierten empört. Die Aussage sei nicht nur medizinisch falsch, sondern gefährlich und stigmatisierend, heißt es etwa von der Autistic Self Advocacy Network (ASAN) und dem Balanced Learning Center.
„Die Behauptung, Tylenol verursache Autismus, wurde längst durch wissenschaftliche Studien widerlegt“, erklärt Dr. Sara Rodrigues, Leiterin des Balanced Learning Center. „Autismus ist eine hochkomplexe neurologische Entwicklungsvariante, bei der genetische Faktoren eine zentrale Rolle spielen. Einfache Erklärungen verzerren das Bild und führen zu falscher Politik und schlechten medizinischen Entscheidungen.“
Auch Noor Pervez von ASAN warnt: „Die Art, wie RFK Jr. über Autismus spricht, entmenschlicht autistische Menschen und schürt Vorurteile. Es geht nicht um Wissenschaft, sondern um Ideologie.“
Rückschritt statt Fortschritt
Die Trump-Regierung hatte bereits in der Vergangenheit immer wieder angekündigt, die „Ursache“ von Autismus aufdecken zu wollen – entgegen dem Konsens der medizinischen Fachwelt, die von einer Vielzahl genetischer und umweltbedingter Einflussfaktoren ausgeht.
Shannon Rosa, Chefredakteurin des Online-Magazins Thinking Person’s Guide to Autism, bringt es auf den Punkt: „Es fühlt sich an, als seien wir Jahrzehnte zurückgeworfen worden. Die Regierung zeigt keinerlei Interesse an echter Wissenschaft oder dem Wohlergehen autistischer Menschen.“
Der Rückgriff auf pseudowissenschaftliche Theorien erinnere stark an vergangene Irrwege wie die „Kühlschrankmutter“-Hypothese der 1950er-Jahre, die kaltherzige Mütter für Autismus verantwortlich machte – eine Theorie, die längst widerlegt ist, aber bis heute nachwirkt.
Gefährliche Auswirkungen – auch auf die Gesundheit von Schwangeren
Dr. Rodrigues warnt vor konkreten gesundheitlichen Folgen solcher Falschbehauptungen: „Wenn Schwangere aufgrund solcher Aussagen Schmerzmittel vermeiden, obwohl sie medizinisch notwendig wären, kann das ernsthafte Risiken für Mutter und Kind mit sich bringen.“
Die Angst, durch vermeintliches Fehlverhalten Autismus zu „verursachen“, könne werdende Mütter in Schuldgefühle und Stress treiben – mit potenziell negativen Folgen für die gesamte Schwangerschaft.
Autistische Menschen brauchen Respekt, nicht Heilversprechen
Viele Betroffene und Angehörige betonen, dass der Wunsch nach einer „Heilung“ von Autismus oft mehr schade als helfe. Die Konzentration auf einen „Grund“ oder ein „Heilmittel“ lenke von tatsächlichem Unterstützungsbedarf ab: Inklusion, Zugang zu Therapie und Bildung, soziale Akzeptanz und individuelle Förderung.
„Autistische Leben sind lebenswert – und das schließt auch nichtsprechende Menschen, People of Color oder Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf ein“, betont Pervez. „Respekt und Unterstützung statt Schuldzuweisungen – das ist es, was wir brauchen.“
Rosa ergänzt: „Die Rhetorik der Regierung treibt Familien in Isolation, statt ihnen Zugang zu Informationen und Netzwerken zu ermöglichen. Vor zwanzig Jahren hätte mich diese Art von Desinformation beinahe in Panik versetzt – ich habe Angst um die Eltern, die heute am Anfang dieses Weges stehen.“
Fazit: Ein gefährlicher Rückfall in überholte Denkmuster
Die Aussagen der Trump-Regierung stoßen auf breite Ablehnung und rufen Erinnerungen an eine Zeit wach, in der Autismus noch als zu heilende Krankheit statt als neurodiverse Lebensweise gesehen wurde. Forschende, Aktivist:innen und Betroffene fordern eine Abkehr von vereinfachenden Ursachenforschung und „Heilversprechen“ – zugunsten einer Gesellschaft, die Autismus versteht, respektiert und integriert.
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