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Tödliche See: Warum Südkoreas Fischer immer häufiger sterben – und was der Klimawandel damit zu tun hat

qimono (CC0), Pixabay
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Wenn das Meer zur Bedrohung wird

Als Hong Suk-hui den Anruf erhielt, war ihm sofort klar, dass etwas Schreckliches passiert war.
Sein Fischereischiff, das zwei Tage zuvor zu einer vielversprechenden Fangreise von der Insel Jeju aufgebrochen war, hatte gekentert.

Ein plötzliches Aufeinandertreffen zweier Wellen hatte einen Strudel erzeugt – die zehnköpfige Besatzung wurde überrascht, fünf Männer, die unter Deck schliefen, ertranken.

„Als ich die Nachricht hörte, fühlte es sich an, als würde mir der Himmel auf den Kopf fallen“, sagt Hong leise.


Dramatischer Anstieg tödlicher Unfälle

Allein im vergangenen Jahr kamen 164 Menschen in südkoreanischen Gewässern ums Leben oder gelten als vermisst – ein Anstieg um 75 Prozent im Vergleich zum Jahr zuvor.
Die meisten Opfer waren Fischer, deren Boote gesunken oder gekentert waren.

„Das Wetter hat sich verändert, es wird jedes Jahr windiger“, erklärt Hong, der zugleich Vorsitzender des Fischereiverbands von Jeju ist.
„Wir Fischer sind überzeugt: Das ist die Folge des Klimawandels.“


Klimawandel, Überalterung und fehlende Sicherheit

Alarmiert durch die wachsende Zahl von Todesfällen hat die südkoreanische Regierung eine Untersuchungskommission eingesetzt.
Deren Leiter nennt den Klimawandel als eine der Hauptursachen – neben einer überalterten Fischereibranche, mangelnder Sicherheitsausbildung und dem Einsatz ungeschulter ausländischer Arbeitskräfte.

Die Meere rund um die koreanische Halbinsel erwärmen sich doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt.
Zwischen 1968 und 2024 stieg die durchschnittliche Wassertemperatur um 1,58 °C, während der weltweite Wert bei 0,74 °C lag.

Das wärmere Wasser begünstigt extreme Wetterphänomene, wie stärkere Taifune und plötzliche Windböen.
Zudem wandern viele Fischarten weiter nach Süden, wo das Wasser noch kühl genug ist.

Das zwingt die Fischer, immer weiter hinauszufahren – in gefährlichere Gewässer, bei unberechenbarem Wetter.


„Früher war das Meer unser Freund“

Am Hafen von Jeju herrscht an einem verregneten Morgen geschäftiges Treiben.
Dutzende Boote tanken auf, Mannschaften beladen ihre Schiffe, Eigner überwachen nervös die letzten Handgriffe.

Kim Seung-hwan (54) ist einer von ihnen.

„Ich habe ständig Angst, dass etwas passiert“, sagt er. „Die Winde sind unberechenbar geworden, sie kommen plötzlich und heftig.“

Früher fing Kim tonnenweise Haarfisch – eine silbrig glänzende Spezialität, die in ganz Korea beliebt ist. Doch die Bestände sind drastisch zurückgegangen.
Heute muss seine Crew oft bis nach Taiwan segeln, um genug zu fangen.

„Wenn ein Sturm aufzieht, können wir nicht schnell genug zurück. Aber wenn wir in Küstennähe bleiben, verdienen wir nichts. Es ist ein Teufelskreis.“


Mehr Sturmwarnungen, mehr Tote

Eine Untersuchung unter Leitung von Professor Gug Seung-gi ergab, dass sich die Zahl der maritimen Wetterwarnungen zwischen 2020 und 2024 um 65 Prozent erhöht hat.

„Das unvorhersehbare Wetter führt dazu, dass vor allem kleine Fischerboote kentern“, erklärt der Professor.
„Sie sind nicht für lange, raue Fahrten ausgelegt – aber sie müssen hinaus, um überhaupt noch Fische zu finden.“

Klimaforscher Kim Baek-min von der Pukyong-Nationaluniversität bestätigt:
Klimawandel schafft die Voraussetzungen für plötzliche, starke Windböen – auch wenn für eindeutige Trends noch mehr Daten nötig seien.


Leere Netze, leere Taschen

Mitten in dichtem Nebel fährt Kapitän Park Hyung-il frühmorgens hinaus, um seine Netze einzuholen.
Doch was er an Bord zieht, ist ernüchternd: Jede Menge Quallen – und kaum Fische.

„Früher füllten wir 50 bis 100 Körbe pro Tag“, sagt Park. „Heute sind es vielleicht zwei.“

Die wenigen Sardellen, die er fängt, sind so klein, dass sie nur noch als Tierfutter taugen.

„Der Fang ist wertlos“, seufzt er. „Er deckt kaum die Spritkosten.“

In den letzten zehn Jahren sind die Tintenfischfänge um 92 Prozent und die Sardellenfänge um 46 Prozent zurückgegangen.


Eine alternde Branche kämpft ums Überleben

Fast die Hälfte der südkoreanischen Fischer ist heute über 65 Jahre alt – vor zehn Jahren war es nur ein Drittel.
Junge Menschen zieht es nicht mehr auf die Boote, sondern in die Städte.

Viele Kapitäne sind deshalb auf Migrant*innen aus Vietnam und Indonesien angewiesen, die häufig keine ausreichende Sicherheitsausbildung erhalten und sich wegen Sprachbarrieren kaum verständigen können.

„Es ist ein tragischer Kreislauf“, sagt Woojin Chung von der britischen Environmental Justice Foundation.
„Mehr extreme Wetterereignisse, größere Entfernungen, steigende Treibstoffkosten – und gleichzeitig unerfahrene Arbeitskräfte. Das Risiko steigt mit jedem Faktor.“


„Das Meer frisst sie auf“

Am 9. Februar dieses Jahres sank vor der Küstenstadt Yeosu ein großer Trawler – zehn Tote.
Unter ihnen der 63-jährige Young-mook, der eigentlich kurz vor dem Ruhestand stand, aber kurzfristig eingesprungen war.

„Es war eiskalt – wer ins Wasser fiel, hatte keine Chance“, sagt seine Tochter Ean, die noch immer um ihn trauert.

Sie glaubt, viele Bootseigner verstecken sich zu leicht hinter dem Argument „Klimawandel“.

„Natürlich spielt das Wetter eine Rolle. Aber letztlich entscheiden die Eigner, wann sie auslaufen. Es ist ihre Verantwortung, die Crew zu schützen.“

Ean fordert strengere Sicherheitsstandards und bessere Wartung der Boote.

„Versicherungen ersetzen ein Schiff – aber kein Menschenleben.“


Regierung will mehr Sicherheit auf See

Die Behörden versuchen nun, wenigstens die Risiken zu verringern.
Boote sollen künftig mit Rettungsleitern ausgestattet werden, Rettungswesten sollen Pflicht sein, und Sicherheitstrainings auch für ausländische Crewmitglieder eingeführt werden.

Zudem will die Regierung Echtzeit-Wetterwarnungen verbessern und Such- und Rettungsmaßnahmen ausbauen.

Manche Regionen zahlen inzwischen Prämien für gefangene Quallen, um das Ökosystem zu entlasten, während Tintenfischfischern Kredite gewährt werden, um sie vor der Insolvenz zu bewahren – oder um sie sanft zum Aufgeben zu bewegen.


Ein düsterer Ausblick

Laut der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) wird die jährliche Fangmenge in Südkorea bis zum Ende des Jahrhunderts um fast ein Drittel sinken, wenn die Treibhausgasemissionen nicht drastisch reduziert werden.

Für Fischer wie Kapitän Park ist das keine Prognose – sondern bittere Gegenwart.
Er hat mittlerweile einen YouTube-Kanal gestartet, um seine Fangreisen zu dokumentieren und wenigstens ein wenig zusätzliches Einkommen zu erzielen.

„Ich bin die dritte Generation meiner Familie, die auf See arbeitet – und wahrscheinlich die letzte“, sagt er.
„Früher war das Leben auf dem Meer romantisch. Heute ist es nur noch hart.“


Fazit

Südkoreas Fischer stehen zwischen den Fronten: Naturgewalten, wirtschaftlichem Druck und fehlender Perspektive.
Das Meer, einst Quelle ihres Stolzes und ihrer Lebensgrundlage, wird zunehmend zu einem unberechenbaren Gegner.

Und während Boote kentern, Netze leer bleiben und Generationen den Beruf verlassen, bleibt eine bittere Wahrheit:
Nicht nur die Fische wandern – auch die Hoffnung.

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