Spenden, Heilsteine und ein bisschen Demokratieverachtung gefällig? Dann sind Sie auf Telegram genau richtig!
Während andere noch versuchen, mit ehrlicher Arbeit über die Runden zu kommen, hat eine eingeschworene Telegram-Elite längst das Rezept für den Erfolg gefunden: eine kräftige Portion Angst, zwei Löffel Misstrauen gegen alles Offizielle und ein Teelöffel „geheimes Insiderwissen“ – fertig ist der monetarisierte Wahnsinn.
Das beweist nun auch eine neue Studie der Bundesstelle für Sektenfragen. Titelvorschlag unsererseits: „Wie man mit Weltuntergangsstimmung zum Kleingewerbe kommt“. Untersucht wurden dabei rund 2,3 Millionen Telegram-Nachrichten – ein echtes Konvolut aus Verschwörungscontent, pseudowissenschaftlichem Hokuspokus und dem ewig gleichen Ruf: „Spenden Sie jetzt! Für die Wahrheit™!“
„Das Geschäft mit der Angst floriert“, heißt es in der Studie. Und wie! Studienautor Felix Lippe erklärte im Ö1-Interview nüchtern, dass hier gezielt Angst geschürt werde – aber natürlich nur aus altruistischen Gründen, um edle Dinge wie Heilpilze, kolloidales Silber oder die neueste DVD über das Weltjudentum zu bewerben.
Rechts ist das neue Influencer
Die Wortführer? Kaum überraschend: Rechtsextreme Telegram-Gurus mit einer Affinität zu Capslock und Patriotismus, die sich in zunehmend professionell strukturierten Netzwerken organisieren. Links? Gibt’s auch. Irgendwo. Ganz hinten. In der Ecke. Vielleicht.
Das Publikum? International! Vor allem Deutschland liegt schwer im Trend – offenbar eine begehrte Zielgruppe für Menschen, die „ganzheitlich entgiften“ und gleichzeitig „das System stürzen“ wollen.
Angst verkauft sich eben gut
Die Studie zeigt auch: Sobald irgendwo Unsicherheit in der Luft liegt (Pandemie, Krieg, Inflation, Montag), steigt die Nachfrage nach „alternativen Wahrheiten“ und anderen Glanzleistungen der Meinungsfreiheit. Die neuen Helden der Gegenöffentlichkeit nutzen ihre Reichweite inzwischen clever – weniger für Aufklärung, mehr für PayPal-Links und Gutscheincodes für Survival-Food.
Spendenaufrufe machen inzwischen über 30 % der Aktivitäten aus. Wer braucht schon Demokratie, wenn man auch ein Detox-Seminar buchen kann?
Ein Klick zur Erleuchtung (oder zum Radikalismus)
Laut Ulrike Schiesser, Leiterin der Bundesstelle für Sektenfragen, ist Telegram ein Paradies für alle, die bei der Google-Suche nach „Globuli gegen Kopfschmerzen“ versehentlich auf einem Kanal landen, der auch gleich noch erklärt, dass Bill Gates an allem schuld ist.
Die Folge? Soziale Isolation, Angst, Depression – also alles, was das Herz begehrt, wenn man sich langsam von der Realität verabschiedet. Und nebenbei: Auch Hasskriminalität wird so ein wenig salonfähiger gemacht. Win-win!
Tipps gegen den Wahnsinn
Schiesser rät: Wenn jemand im Umfeld plötzlich anfängt, Sätze mit „Man darf ja wohl noch sagen…“ und „Wacht auf!“ zu beginnen, hilft: ruhig bleiben, nachfragen, widersprechen – und auf das Beste hoffen. Geduld ist gefragt. Viel Geduld. Und vielleicht ein guter Rotwein.
Wer Kritik übt, hat was zu verbergen?
Die FPÖ wiederum sah in der Studie natürlich keinen Erkenntnisgewinn, sondern eine Zensurmaßnahme in Tarnfleck. Alles nur eine Schikane gegen freie Denker, die nichts weiter wollen, als ein bisschen Angst verbreiten dürfen – am besten steuerfrei.
Österreichs digitales Frühmittelalter
Übrigens: Während Deutschland schon längst mit Datenanalyse und Monitoring hantiert, läuft Österreichs Onlinemonitoring noch mit Räucherstäbchen und Bauchgefühl. Laut Schiesser braucht es 180.000 Euro, um das Projekt weiterzuführen – ein Schnäppchen angesichts der Millionen, die mit Angst-Content auf Telegram gemacht werden.
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