Zwei Jahre nach den verheerenden Erdbeben in der Türkei fehlt von dutzenden Kindern noch immer jede Spur. Die Geschichte des vierjährigen Emir steht beispielhaft für das Schicksal vieler Familien.
Der Fall Emir
Als am 6. Februar 2023 zwei verheerende Erdbeben die Südtürkei erschütterten, war der vierjährige Emir zu Hause bei seiner Familie. Die Naturkatastrophe, die mehr als 53.500 Menschen das Leben kostete, zerstörte auch das Apartmenthaus seiner Familie in Antakya nahe der syrischen Grenze. Während die Leichen seiner Eltern und seines zehnjährigen Bruders in den Trümmern gefunden wurden, blieb Emir wie vom Erdboden verschluckt.
Seine Tante Nursen Kisa erreichte das eingestürzte Gebäude eine Stunde nach dem Beben und harrte über zwei Wochen neben den Trümmern aus. „Wir hofften, ihn zu finden, oder wenigstens ein Kleidungsstück, irgendwelche Überreste, irgendeine Spur. Aber es gab nichts – weder in den Trümmern noch unter den Toten“, berichtet sie.
Behördliche Hindernisse
Seither kämpft Nursen unermüdlich darum, ihren vermissten Neffen zu finden:
– Sie erstattete eine Vermisstenanzeige, die jedoch verloren ging
– Sie verbreitete Emirs Fotos in sozialen Medien
– Sie besuchte zahlreiche Waisenhäuser im ganzen Land
– Sie ließ die sterblichen Überreste ihrer Schwester exhumieren für DNA-Vergleiche
Besonders frustrierend: Gelegentlich erhielt sie sogar Anrufe von Behörden, die sich nach Emirs Wohlergehen erkundigten – ein Zeichen dafür, dass er nicht einmal offiziell als vermisst registriert war.
Widersprüchliche Zahlen
Die genaue Zahl der Vermissten ist bis heute unklar:
– Das Innenministerium spricht von 75 Vermissten, darunter 30 Kinder
– Die Opposition führt eine Liste mit 140 Vermissten, davon 38 Kinder
– Die Diskrepanz könnte damit zusammenhängen, dass das Ministerium jene nicht mitzählt, deren Familien sie bereits als tot akzeptiert haben
Kritik an den Behörden
Oppositionspolitiker werfen den Behörden Unregelmäßigkeiten und Inkompetenz vor:
– Trümmer wurden teilweise zu hastig beseitigt, bevor gründlich gesucht werden konnte
– Es gab Fälle von Fehlidentifizierungen bei Bestattungen
– Ein Parlamentsantrag zur Untersuchung der vermissten Kinder wurde von der Regierungspartei abgelehnt
Die fortdauernde Suche
Für die betroffenen Familien ist die Ungewissheit kaum zu ertragen. „Es gibt noch immer keinen Beweis, ob mein Neffe Emir tot oder lebendig ist“, sagt Nursen Kisa. „Ich werde niemals dem Druck nachgeben und ihn als verstorben melden.“
Die Geschichte der Vermissten des türkischen Erdbebens zeigt, wie wichtig eine systematische und transparente Aufarbeitung von Naturkatastrophen ist – nicht nur für die unmittelbare Rettung von Menschen, sondern auch für die langfristige Aufklärung des Schicksals der Vermissten.
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