Torre-Pacheco, die neue Hauptstadt des Zivilisationsabbaus – An zwei lauen Sommernächten versammelten sich in der sonst verschlafenen Kleinstadt plötzlich Menschen mit Fackeln, Schlagstöcken und einem sehr diffusen Verhältnis zu demokratischen Grundwerten. Rechtsextreme Gruppen, die sich offenbar durch ein Meme, ein Gerücht und ein YouTube-Kommentarradikalisierungsprogramm motiviert fühlten, beschlossen kurzerhand, eine „Jagd“ auf Migranten zu veranstalten – vermutlich inspiriert vom lokalen Wildschweinbestand, aber mit schlechteren Manieren.
Auslöser der spontanen Völkerverständigung per Faust war ein Angriff auf einen 68-jährigen Mann, mutmaßlich durch junge Migranten. Kaum war das bekannt (oder auch nur halbwegs glaubhaft ins Netz gestellt), rollten rechte Telegram-Kanäle bereits heiß und riefen dazu auf, „das Land zurückzuholen“ – in diesem Fall offenbar mit brennenden Mülltonnen und Hitlergruß.
Demonstrationen mit Schlagstock-Zusatzoption
Die Stadtverwaltung hatte sich naiverweise eine friedliche Demo gewünscht, um ein Zeichen gegen Gewalt zu setzen – leider mit dem Nebeneffekt, dass rechtsextreme Gruppierungen das als Einladung verstanden, ihre Parolen auf offener Straße zu testen. Ergebnis: Pyrotechnik, Barrikaden, Bierlaune und die Erkenntnis, dass man Neonazis nicht mit höflichen Appellen besänftigt.
Laut Bürgermeister Pedro Angel Roca – der währenddessen wahrscheinlich bereute, nicht Bürgermeister von irgendwas Ruhigerem zu sein, etwa einem Aquarium – sei die Polizei „mit großer Anstrengung“ bemüht gewesen, Schlimmeres zu verhindern. Mission teils gelungen: Nur fünf Verletzte, eine Festnahme und unzählige neue Profilbilder mit Reichskriegsflaggen in Social Media.
Digitale Entgleisung in Echtzeit
Besonders kreativ zeigte sich die Gruppe „Deport Them Now“, die offenbar glaubt, Facebook-Kommentare seien eine Form von Außenpolitik. Mit Hashtags wie #Jagdzeit und einer Rhetorik irgendwo zwischen Mittelalter und Videospiel versuchten sie, das Gefühl der nationalen Unterlegenheit durch inszenierte Selbstermächtigung zu kompensieren – was nicht gelang, aber immerhin für Sendezeit bei RTVE sorgte.
Die Regierungsdelegierte Mariola Guevara sprach diplomatisch von „fremdenfeindlichen Aufrufen“, was ungefähr so ist, als würde man einen Hausbrand als „leicht überhitzten Kaminabend“ bezeichnen. Immerhin kündigte sie Konsequenzen an: Verhaftungen, mehr Polizei und die vage Hoffnung, dass der gesunde Menschenverstand doch noch mal irgendwo auftaucht.
Realität vs. Reizüberflutung
Währenddessen zirkulieren online Videos vom Angriff auf den Pensionisten – einige davon offenbar authentisch, andere bearbeitet oder gleich ganz frei erfunden. In jedem Fall reichen sie aus, um ganze Chatgruppen in den Ausnahmezustand zu versetzen und das Internet erneut als Ort zu entlarven, wo Wahrheit und Fiktion gemeinsam um Klicks kämpfen.
Einwanderung: Bedrohung oder Rentenversicherung?
Wie immer, wenn es brennt, mischt sich auch die Politik ein: Die rechtspopulistische Partei Vox wäscht sich empört die Hände, obwohl sie zuvor großzügig Öl ins Feuer gegossen hat. Die PSOE regt sich auf, dass „Rechtsextremismus salonfähig gemacht wurde“, was ungefähr so klingt, als würde man sich wundern, dass ein Tiger nach drei Tagen Käfigöffnung plötzlich rausläuft.
Fakt ist: Spanien braucht Einwanderung. Nicht, weil es so weltoffen wäre, sondern weil jemand die Renten der Babyboomer bezahlen muss. Das weiß jeder – nur nicht die, die gerade auf der Straße mit Leuchtfackeln gegen „die da oben“ kämpfen, obwohl sie meistens selbst ganz unten stehen.
Fazit:
In Torre-Pacheco brennt nicht nur der Müll, sondern auch die Vernunft. Wer Migration mit Gewalt bekämpft, bekommt keine Lösung – nur Schlagzeilen, Festnahmen und einen Eintrag in der Chronik kollektiver Kurzschlüsse. Aber immerhin: Fürs Abendprogramm war gesorgt.
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