Manchmal dauert es eben ein bisschen länger, bis der Groschen fällt – in Brüssel offenbar ein paar Jahrzehnte. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat nun öffentlich eingeräumt, dass die Abkehr von der Atomkraft möglicherweise doch keine der brillantesten Ideen der europäischen Energiepolitik war.
Auf einem Atomenergiegipfel in Frankreich erklärte sie nun mit bemerkenswerter Nüchternheit, es sei wohl ein „strategischer Fehler“ gewesen, einer zuverlässigen und vergleichsweise emissionsarmen Energiequelle den Rücken zu kehren.
Man könnte auch sagen: Die Realität hat geklopft – und irgendwann musste man die Tür öffnen.
Geld für die Renaissance der Kernenergie
Doch Einsicht allein reicht bekanntlich nicht. Deshalb kündigte von der Leyen gleich auch neue finanzielle Unterstützung an. Die EU will künftig 200 Millionen Euro an Risikoabsicherungen für private Investoren bereitstellen, die in neue Atomtechnologien investieren möchten.
Das Geld stammt – man ahnt es – aus dem EU-Emissionshandel. Also aus genau dem System, das ursprünglich helfen sollte, fossile Energien zu verdrängen. Nun finanziert es also auch den Wiedereinstieg in eine Technologie, die man politisch zuvor jahrelang möglichst elegant verabschieden wollte.
Kleine Reaktoren, große Hoffnungen
Besonders im Fokus stehen sogenannte kleine modulare Reaktoren (SMR). Diese sollen flexibler, günstiger und schneller zu bauen sein als klassische Kernkraftwerke.
Die EU plant dafür eine eigene Strategie. Vorschriften sollen europaweit harmonisiert werden, damit die Technologie möglichst bald einsatzbereit ist. Das erklärte Ziel: Bis Anfang der 2030er-Jahre sollen die neuen Reaktoren in Europa laufen.
Von einem Drittel auf die Hälfte der Hälfte
Von der Leyen verwies auch auf eine bemerkenswerte Entwicklung:
1990 stammte noch etwa ein Drittel des europäischen Stroms aus Kernenergie. Heute sind es gerade einmal knapp 15 Prozent.
Anders gesagt: Europa hat es geschafft, innerhalb von drei Jahrzehnten eine funktionierende Energiequelle deutlich zurückzufahren – und stellt nun fest, dass sie vielleicht doch ganz nützlich gewesen wäre.
Fazit: Man lernt nie aus
Die Botschaft aus Paris lässt sich also zusammenfassen:
Atomkraft war gestern unerwünscht, heute wieder interessant und morgen möglicherweise wieder Teil der Lösung.
Oder, um es diplomatisch zu formulieren: Europa entdeckt gerade, dass strategische Fehler manchmal erst dann auffallen, wenn die Stromrechnung kommt.
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