Es ist ein Justizskandal, der weltweit für Empörung sorgt: Der US-Flugzeughersteller Boeing entgeht einer strafrechtlichen Verfolgung im Zusammenhang mit zwei verheerenden Abstürzen seiner 737-Max-Maschinen, bei denen 346 Menschen ums Leben kamen. Möglich macht dies ein umstrittener Vergleich mit dem US-Justizministerium, der am Donnerstag bekannt gegeben wurde.
Statt sich einem öffentlichen Strafprozess zu stellen, zahlt Boeing über 1,1 Milliarden US-Dollar – und das Kapitel könnte damit aus Sicht des Unternehmens abgeschlossen sein. Für die Hinterbliebenen der Opfer ist das eine bittere Nachricht. Der bereits angesetzte Prozess am 23. Juni fällt durch die Einigung ersatzlos aus.
Milliarden statt Gerechtigkeit
Laut Justizministerium setzt sich die Summe aus einer Geldstrafe von 243,6 Millionen Dollar, einem Entschädigungsfonds von 444,5 Millionen Dollar für die Opferfamilien sowie weiteren 455 Millionen Dollar für interne Reformen zusammen. Boeing verpflichtet sich, seine Ethik- und Antibetrugsprogramme zu verbessern und einen externen Compliance-Berater einzusetzen.
Das Ministerium bezeichnete die Einigung als „gerechtesten Ausgang mit praktischem Nutzen“. Doch Kritiker sprechen von einem Justizdeal auf Kosten der Gerechtigkeit – ein fatales Signal, das Vertrauen in den Rechtsstaat und in die Rolle großer Konzerne untergräbt.
Vorwürfe der Täuschung
Im Zentrum des Falls steht ein umstrittenes Flugsteuerungssystem (MCAS), das bei beiden Unglücken eine Rolle spielte. Boeing hatte US-Aufsichtsbehörden über dessen Funktionen und Risiken getäuscht, wie Ermittler feststellen konnten. Die Folgen waren katastrophal – weltweit wurde die 737-Max-Flotte für über ein Jahr stillgelegt.
Dass ein solcher Fall nun ohne Gerichtsverhandlung und ohne öffentliches Schuldeingeständnis endet, empfinden viele als Hohn – nicht zuletzt die Angehörigen der Opfer, für die der Vergleich einen schmerzhaften Rückschlag bedeutet. Sie hatten auf Aufklärung und Gerechtigkeit vor Gericht gehofft – stattdessen gibt es nun einen juristisch abgesegneten Weg der Selbstentlastung für einen der mächtigsten Luftfahrtkonzerne der Welt.
Ein Konzern – über dem Gesetz?
Der Fall Boeing wirft erneut Fragen auf: Wie viel Verantwortung muss ein Konzern übernehmen, wenn durch seine Fehler hunderte Menschen sterben? Und warum wird in solchen Fällen nicht der gleiche Maßstab wie bei Einzelpersonen angelegt?
Dass Boeing sich mit Geld freikaufen kann, während die Schuldfragen nicht öffentlich verhandelt werden, dürfte das ohnehin angeschlagene Vertrauen in die Luftfahrtindustrie weiter beschädigen – und lässt viele mit dem Eindruck zurück, dass für große Namen andere Regeln gelten.
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