Lungenkrebs galt lange als typische Erkrankung von Rauchern – doch diese Annahme ist zunehmend überholt. Inzwischen betrifft ein erheblicher Teil der Fälle Menschen, die nie geraucht haben. Fachleute sprechen von einer „eigenständigen Erkrankung“ mit ganz anderen biologischen Ursachen, Symptomen und Risiken.
📈 Ein globaler Trend mit wachsender Bedeutung
Rund 10 bis 20 % aller Lungenkrebsfälle weltweit treten heute bei Menschen auf, die niemals regelmäßig geraucht haben. Die Zahl steigt – und das trotz sinkender Raucherquoten. 2022 wurden weltweit etwa 2,5 Millionen neue Lungenkrebsdiagnosen gestellt; über 1,8 Millionen Menschen starben daran.
„Wenn wir heute junge Patientinnen und Patienten mit Lungenkrebs sehen, dann sind es in vielen Fällen Nichtraucher“, erklärt Prof. Andreas Wicki vom Universitätsspital Zürich. Besonders häufig ist Adenokarzinom, eine Form von Lungenkrebs, die in den Schleimhautzellen entsteht – und bei Nichtrauchern dominiert.
🧬 EGFR-Mutationen: Der genetische Treiber
Ein entscheidender Unterschied: Viele Lungenkrebsfälle bei Nichtrauchern sind durch sogenannte „Driver-Mutationen“ verursacht – allen voran durch Veränderungen am EGFR-Gen (Epidermal Growth Factor Receptor). Diese Mutation ist insbesondere bei Frauen asiatischer Herkunft auffällig häufig. Warum das so ist, ist noch nicht abschließend geklärt – vermutet wird eine Kombination aus genetischer Veranlagung und hormonellen Einflüssen.
💊 Zielgerichtete Therapien verbessern die Prognose
Die Entdeckung solcher Mutationen hat die Behandlung revolutioniert. EGFR-Hemmer (gezielte Medikamente) können das Tumorwachstum effektiv blockieren. Doch häufig entwickeln sich Resistenzen – die Krankheit kehrt zurück.
Dennoch: Patient:innen mit solchen Mutationen leben heute oft viele Jahre mit der Krankheit, während die Überlebenszeit noch vor 20 Jahren oft unter einem Jahr lag. „Wir haben heute Betroffene, die seit über zehn Jahren auf gezielter Therapie sind“, so Wicki.
🏠 Risikofaktoren jenseits des Rauchens
Auch ohne Zigaretten gibt es zahlreiche Umweltrisiken:
-
Kochdämpfe und schlechte Belüftung (besonders bei Holz- oder Kohleöfen)
-
Passivrauchen
-
Radon-Exposition, insbesondere in schlecht belüfteten Kellerräumen
-
Feinstaubbelastung (PM2.5) – insbesondere aus Verkehr, Industrie und Waldbränden
Frauen sind durch ihre oft höhere Belastung in Innenräumen besonders gefährdet. Doch Außenluftverschmutzung ist laut WHO nach dem Rauchen der zweitgrößte Risikofaktor für Lungenkrebs.
🧪 Wie Feinstaub Krebs auslösen kann
Forscher:innen am Francis Crick Institute in London fanden heraus: PM2.5-Feinstaub löst vermutlich keine neuen Mutationen aus, sondern aktiviert bereits vorhandene schlafende Krebszellen, insbesondere jene mit EGFR-Mutationen. Bestimmte Immunzellen (Makrophagen) reagieren auf die Schadstoffe mit der Freisetzung von Botenstoffen, die die schlafenden Zellen zum Wachstum anregen.
🌍 Globale Hotspots und zukünftige Risiken
Laut einer Studie der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) wurden 2022 weltweit rund 194.000 Fälle von Adenokarzinomen auf Luftverschmutzung zurückgeführt – besonders viele davon in China und Ostasien.
Auch in Indien ist das Risiko hoch: In Delhi etwa überschreiten die PM2.5-Werte den WHO-Grenzwert um das 20-fache. In Europa sind die Werte gesunken – aber ob das bereits zu sinkenden Erkrankungszahlen führt, ist unklar. Es könnte 15 bis 20 Jahre dauern, bis sich das in den Statistiken widerspiegelt.
💬 „Die Schuldfrage muss verschwinden
Noch immer begegnet Lungenkrebs vielen mit dem Stigma: „Selbst verschuldet, weil geraucht.“ Doch das greift zu kurz, wie Fälle wie der von Martha, einer 59-jährigen Patientin mit EGFR-Mutation, zeigen. Sie hatte nie regelmäßig geraucht und lebt heute dank gezielter Therapie seit drei Jahren mit der Erkrankung.
„Die Nebenwirkungen sind hart, aber die Therapie wirkt“, sagt sie. Und: „Das Bild vom unheilbaren Lungenkrebs ändert sich – das ist gut.“
🧠 Fazit: Lungenkrebs ist nicht nur ein Raucherthema
Die Forschung zeigt: Lungenkrebs bei Nichtrauchern ist eine eigenständige Erkrankung mit anderen Ursachen, anderen genetischen Mustern und anderen Betroffenen – oft jünger, häufiger weiblich, oft genetisch vorbelastet.
Was bleibt, ist die dringende Notwendigkeit:
-
für bessere Früherkennung,
-
für eine stärkere Regulierung der Luftqualität
-
und für mehr Aufklärung ohne Stigmatisierung.
Kommentar hinterlassen