Nach nur zwei Stunden ist der erste Prozesstag gegen den österreichischen Unternehmer René Benko am Landgericht Innsbruck zu Ende gegangen – ein kurzer Auftakt zu einem möglicherweise langen und aufsehenerregenden Verfahren. Der einstige Signa-Gründer und Ex-Milliardär, dessen Firmenimperium in den letzten Jahren spektakulär zusammengebrochen war, verzichtete auf eine ausführliche Aussage und bekannte sich lediglich zu den beiden Anklagepunkten als „nicht schuldig“.
Die zuständige Richterin vertagte die Verhandlung auf Mittwoch. Dann soll die Befragung erster Zeugen beginnen, darunter frühere Geschäftspartner Benkos und ehemalige Mitarbeiter der Signa Holding. Auch Vertreter mehrerer Banken und Gläubiger sollen im Verlauf des Prozesses aussagen.
Schweigen als Strategie
Benko trat ruhig, aber angespannt auf. Statt die Gelegenheit zu nutzen, die Vorwürfe zu entkräften, ließ er durch seinen Anwalt erklären, er werde sich „zum jetzigen Zeitpunkt“ nicht äußern. Juristische Beobachter interpretieren das als Taktik, um zunächst die Beweisführung der Staatsanwaltschaft abzuwarten.
Diese wirft Benko vor, in den Wochen vor der Insolvenz seines Firmengeflechts im Jahr 2023 Vermögenswerte verschoben und verschleiert zu haben – mutmaßlich, um Gläubiger zu benachteiligen und Teile seines Privatvermögens zu sichern. Dabei soll er auf ein Netz aus Treuhandgesellschaften in Liechtenstein und Luxemburg zurückgegriffen haben.
Die Anklage stützt sich auf interne E-Mails, Kontoauszüge und Verträge, die bei Durchsuchungen in Wien, Innsbruck und Zürich sichergestellt wurden. Insgesamt geht es um Vermögenswerte in zweistelliger Millionenhöhe.
Symbolfigur eines Wirtschaftszusammenbruchs
Der Fall Benko steht sinnbildlich für das Ende einer Ära, in der Prestige, Kredit und politischer Einfluss Hand in Hand gingen. Die Signa-Gruppe, einst Eigentümerin von Galeria Karstadt Kaufhof, großen Immobilienprojekten in Wien, München und Hamburg (darunter der Elbtower), war 2023 unter der Last ihrer Schulden zusammengebrochen.
Mit einem Immobilienvermögen von zeitweise über 25 Milliarden Euro galt Signa als eines der mächtigsten Firmenkonglomerate Europas – bis die Finanzierungsstrukturen brüchig wurden und Zahlungsrückstände in Milliardenhöhe ans Licht kamen. Tausende Anleger, Zulieferer und Banken warten bis heute auf ihr Geld.
Stimmung im Gerichtssaal: gespannt, aber nüchtern
Der erste Verhandlungstag verlief ruhig, fast routiniert. Die Richterin bemühte sich, den Prozess trotz des großen Medieninteresses sachlich zu halten. Im Zuschauerraum verfolgten rund 60 Journalisten den Auftakt, draußen hatten sich einige Demonstranten versammelt – mit Schildern wie „Gier ist kein Geschäftsmodell“ oder „Benko zur Verantwortung ziehen“.
Auch Vertreter von Gläubigerbanken waren anwesend. Nach Angaben von Prozessbeobachtern prüft man, ob das Strafverfahren Anhaltspunkte für mögliche zivilrechtliche Schadensersatzklagen liefern könnte.
Mögliche Konsequenzen
Sollte Benko für schuldig befunden werden, drohen ihm bis zu zehn Jahre Haft. Der Prozess könnte zugleich den Weg für weitere Ermittlungsverfahren ebnen – etwa gegen frühere Vorstände und Wirtschaftsprüfer der Signa-Gruppe.
Sein Anwalt kündigte an, Benko werde sich „zu gegebener Zeit umfassend äußern“, derzeit aber „auf eine faire und unvoreingenommene Bewertung“ setze.
Der zweite Prozesstag am Mittwoch dürfte entscheidender werden: Dann will das Gericht erste Beweise vorstellen, die Aufschluss darüber geben sollen, ob Benko gezielt Vermögenswerte beiseite geschafft hat – oder ob der Zusammenbruch seines Imperiums tatsächlich eine Folge von Marktbedingungen war, wie seine Verteidigung behauptet.
Damit steht fest: Der Benko-Prozess ist mehr als ein juristisches Verfahren – er ist ein Gradmesser für den Umgang mit Macht, Verantwortung und Insolvenz in Europas Immobilienwelt.
Kommentar hinterlassen