Die Staatsanwaltschaft in Manhattan hat am Donnerstag um mehr Zeit gebeten, um zu entscheiden, ob der Fall um den vor Jahrzehnten verschwundenen Jungen Etan Patz ein drittes Mal vor Gericht verhandelt werden soll.
Der Fall gilt als einer der bekanntesten Kriminalfälle der US-Geschichte: Der sechsjährige Etan Patz verschwand im Mai 1979 auf dem Weg zu seiner Schule in Manhattan – und wurde nie gefunden.
Anwälte fordern schnelle Entscheidung
Im Juli hatte ein Berufungsgericht das Urteil gegen den damals verurteilten Pedro Hernandez aufgehoben. Die Richter verwiesen auf Probleme bei den polizeilichen Vernehmungen, auf Zweifel an der geistigen Verfassung des Angeklagten sowie auf fehlerhafte Anweisungen an die Geschworenen.
Hernandez war 2017 wegen Entführung und Mordes zweiten Grades verurteilt worden, nachdem er in einem Verhör gestanden hatte, den Jungen in einen Keller gelockt und getötet zu haben. Das Geständnis hatte er später widerrufen.
Nun müsse entschieden werden, ob der 63-Jährige erneut vor Gericht gestellt oder freigelassen werde.
Die Staatsanwaltschaft bat um eine Frist von 90 Tagen, um die Erfolgsaussichten eines neuen Prozesses zu prüfen. Die Verteidigung hingegen drängte auf eine Entscheidung innerhalb von 30 Tagen.
Richterin Colleen McMahon kündigte an, in den kommenden Tagen zu entscheiden. Sie erinnerte daran, dass es sich um „einen Albtraum handelt, der schon seit Jahrzehnten andauert“.
Ein Fall, der Amerika veränderte
Etan Patz verschwand am 25. Mai 1979 an einer Bushaltestelle im New Yorker Stadtteil SoHo. Der Fall löste eine landesweite Suchaktion aus und führte dazu, dass das Thema vermisste Kinder in den USA erstmals breite Aufmerksamkeit erhielt. Etans Gesicht war eines der ersten, das landesweit auf Milchkartons abgedruckt wurde.
Hernandez, damals Verkäufer in einem nahegelegenen Laden, geriet erst mehr als 30 Jahre später ins Visier der Ermittler. 2012 gestand er, Patz getötet zu haben – ein Geständnis, das laut Experten unter zweifelhaften Umständen zustande kam.
Zwei Prozesse, ein umstrittenes Urteil
Im ersten Prozess 2015 konnte sich die Jury nicht auf ein Urteil einigen – es kam zu einem Mistrial.
Im zweiten Prozess 2017 wurde Hernandez schuldig gesprochen, allerdings nicht wegen vorsätzlichen Mordes, sondern wegen Entführung und fahrlässiger Tötung.
Die Berufungsrichter kritisierten später, dass der damalige Richter den Geschworenen untersagt hatte, spätere Geständnisse zu ignorieren – selbst wenn sie das erste Geständnis für unfreiwillig hielten. Das, so das Gericht, habe gegen geltendes Recht verstoßen.
Offene Fragen und juristische Hürden
Hernandez’ Anwalt Harvey Fishbein sprach nach der Anhörung von einem „Skandal“ und betonte, „ein unschuldiger Mann sitzt derzeit im Gefängnis“. Die Staatsanwaltschaft hält dagegen, die Verurteilung sei rechtmäßig erfolgt, und erwäge, den Fall vor den Obersten Gerichtshof der USA zu bringen.
Gleichzeitig verwies sie auf praktische Schwierigkeiten: Viele Zeugen seien verstorben, betagt oder verzogen, andere hätten nie damit gerechnet, erneut aussagen zu müssen.
Ausblick
Ob es tatsächlich zu einem dritten Prozess kommt, ist unklar. Sollte die Staatsanwaltschaft innerhalb der kommenden Wochen keine Entscheidung treffen, könnte Hernandez nach mehr als vier Jahrzehnten juristischer Auseinandersetzungen freigelassen werden.
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