Vier Jahre nach dem grausamen Mord an ihrem Ehemann ringt Ngabi Dora Tue noch immer mit Trauer, Schulden und der Angst um die Zukunft ihrer Kinder. Ihr Mann Johnson Mabia, ein englischsprachiger Beamter aus dem Südwesten Kameruns, wurde 2020 gemeinsam mit fünf Kollegen von bewaffneten Separatisten entführt – und wenig später enthauptet. Der Preis für seine Freilassung: über 50.000 US-Dollar. Dora konnte das Geld nicht aufbringen – drei Tage später war er tot.
Dies ist kein Einzelfall. Seit fast einem Jahrzehnt tobt im englischsprachigen Westen Kameruns ein brutaler Konflikt zwischen Separatistengruppen und der Zentralregierung, die in Yaoundé von der französischsprachigen Mehrheit dominiert wird. Mehr als 6.000 Menschen sind seit Beginn des Konflikts gestorben, rund 1 Million wurden vertrieben, und ganze Regionen sind unregierbar geworden.
Wie alles begann – Proteste und Repression
Was mit friedlichen Protesten 2016 begann – gegen die Einführung des französischen Rechtssystems in englischsprachigen Gerichten – eskalierte schnell. Demonstrationen wurden gewaltsam niedergeschlagen, Menschen verhaftet, Dörfer niedergebrannt. 2017 erklärten Separatisten symbolisch die „Unabhängigkeit von Ambazonien“.
Seitdem hat sich der Krieg in den Alltag der Bevölkerung hineingefressen. Journalisten berichten von enthaupteten Leichen auf den Straßen, brennenden Häusern und täglicher Angst. „Wie soll man in einer Stadt leben, in der man jeden Morgen um das Leben seiner Familie fürchtet?“, fragt Journalist Blaise Eyong.
Misshandlungen von beiden Seiten
Nicht nur die Rebellen, auch staatliche Sicherheitskräfte sind für schwere Menschenrechtsverletzungen verantwortlich. Berichte von Human Rights Watch dokumentieren willkürliche Verhaftungen, Folter und extralegale Hinrichtungen.
Ein Überlebender, der anonym bleiben möchte, schildert seine Folter durch Soldaten. Ihm wurde ein Dokument zur Unterschrift vorgelegt – ohne es lesen zu dürfen. Als er sich weigerte, begann die Misshandlung. Erst später erfuhr er: Sein Freund, der gemeinsam verhaftet wurde, hatte die Tortur nicht überlebt.
Angriff auf die Bildung
Ein Teil der Strategie der Separatisten: Schulen sollen geschlossen bleiben, um den Einfluss des „französischen Systems“ zu brechen. 2020 wurden bei einem Angriff auf eine Schule in Kumba mindestens sieben Kinder getötet. Rund die Hälfte aller Bildungseinrichtungen in den betroffenen Regionen sind mittlerweile dauerhaft geschlossen – mit katastrophalen Folgen für eine ganze Generation.
Widerstand gegen die Separatisten – neue Gewaltwelle
Inzwischen kämpfen auch bewaffnete Bürgerwehren gegen die Separatisten – im Namen der nationalen Einheit. Eine dieser Gruppen wurde von John Ewome („Moja Moja“) angeführt, der für seine rabiaten Methoden bekannt ist. Ihm wird Folter an Zivilisten vorgeworfen, was er bestreitet.
Kameruns blutender Westen – ein ungelöster Konflikt
Trotz eines „nationalen Dialogs“ 2019 und internationaler Vermittlungsversuche ist keine Lösung in Sicht. Die versprochene „besondere Autonomie“ für die anglophonen Regionen blieb weitgehend ein Papiertiger.
Menschen wie Ngabi Dora Tue bleiben allein mit ihrer Trauer. „Ich dachte daran, meinen Körper zu verkaufen, um meine Schulden zu begleichen“, sagt sie unter Tränen. „Aber dann dachte ich an die Scham.“ Nun kämpft sie sich für ihre Kinder durch den Alltag – in einem Land, das sie längst vergessen hat.
Separatisten distanzieren sich – doch Zweifel bleiben
Die Ambazonia Defence Forces (ADF), die als größte Separatistengruppe gilt, behauptet, sich an internationales Recht zu halten und keine Zivilisten anzugreifen. Für viele in der Region klingt das jedoch wie Hohn – denn die Realität ist eine andere: Entführungen, Erpressung und Morde bestimmen den Alltag.
Hintergrund:
Die Krise in Kamerun ist ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie ungelöste historische Ungleichgewichte – in diesem Fall zwischen einem frankophonen Zentralstaat und einer englischsprachigen Minderheit – zu anhaltender Gewalt führen können. Und wie Menschen auf beiden Seiten der Front am meisten leiden, wenn der politische Wille zur Versöhnung fehlt.
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