Nach der gescheiterten Hinrichtung der zum Tode verurteilten Christa Pike hat der Leiter der Strafvollzugsbehörde im US-Bundesstaat Tennessee seinen Rücktritt erklärt. Frank Strada wird sein Amt noch im Oktober niederlegen.
Tennessees Gouverneur Bill Lee gab Stradas Rücktritt am 3. Oktober bekannt. Die Entscheidung fällt nur wenige Tage nach einem Hinrichtungsversuch, bei dem die 50-jährige Pike trotz der Verabreichung der vorgesehenen Medikamente am Leben blieb und anschließend in kritischem Zustand in ein Krankenhaus gebracht werden musste.
Lee erklärte, Strada habe sein Amt mit Integrität ausgeübt. Er respektiere dessen Entscheidung, angesichts der laufenden Untersuchung zurückzutreten und damit die Interessen der Bevölkerung Tennessees in den Vordergrund zu stellen.
Hinrichtung sollte am 30. September stattfinden
Christa Pike sollte am 30. September wegen des Mordes an der damals 19-jährigen Colleen Slemmer im Jahr 1995 hingerichtet werden.
Der Vollzug der Todesstrafe entwickelte sich jedoch zu einem schweren Zwischenfall.
Nach Angaben ihrer Anwälte erhielt Pike zwei Dosen des für die Hinrichtung vorgesehenen Medikaments Pentobarbital. Trotzdem starb sie nicht.
Sie wurde anschließend in ein Krankenhaus im Raum Nashville gebracht.
Am 2. Oktober teilten ihre Anwälte mit, Pike sei bewusstlos, intubiert und werde künstlich beatmet.
Tennessee stoppt weitere Hinrichtungen
Nach dem misslungenen Hinrichtungsversuch ordnete Gouverneur Lee eine unabhängige Untersuchung an.
Gleichzeitig setzte er sämtliche weiteren Hinrichtungen in Tennessee für den Rest des Jahres 2026 aus.
Untersucht werden soll insbesondere, was während der Vorbereitung und Durchführung der Hinrichtung schiefgelaufen ist.
Frank Strada erklärte in einer Mitteilung, sein Rücktritt liege im besten Interesse der Bürger Tennessees, während die unabhängige Untersuchung durchgeführt werde.
Forderungen nach Rücktritt wurden immer lauter
Schon vor Stradas Entscheidung hatten die Forderungen nach seinem Rücktritt zugenommen.
Dabei rückte auch seine frühere Tätigkeit im Strafvollzug des Bundesstaates Arizona erneut in den Mittelpunkt.
Strada hatte dort eine Führungsposition inne, als drei Hinrichtungen durch Giftspritze durchgeführt wurden, bei denen es ebenfalls Kritik an erheblichen Problemen gegeben hatte.
Im Januar 2023 war er von Gouverneur Lee zum Leiter der Strafvollzugsbehörde Tennessees ernannt worden.
Bemerkenswert ist der Zeitpunkt seiner damaligen Berufung: Tennessee hatte Hinrichtungen bereits 2022 vorübergehend gestoppt, nachdem bekannt geworden war, dass der Bundesstaat wiederholt eigene Vorschriften für Hinrichtungen durch Giftspritze nicht eingehalten hatte.
Strada sollte damit ausgerechnet in einer Phase Verantwortung übernehmen, in der das Hinrichtungssystem des Bundesstaates bereits grundsätzlich unter Beobachtung stand.
Anwälte sprechen von einem „systemischen Versagen“
Die Anwälte Christa Pikes begrüßten Stradas Rücktritt zwar grundsätzlich, machten jedoch deutlich, dass sie das Problem nicht als auf eine einzelne Person beschränkt betrachten.
Nach ihrer Darstellung handelt es sich um ein strukturelles Versagen des gesamten Systems der Todesstrafe in Tennessee.
Der Rücktritt helfe Pike persönlich nicht mehr, erklärten ihre Anwälte.
Sie hoffen nun, dass die angekündigte unabhängige Untersuchung grundlegende Probleme innerhalb des Hinrichtungssystems offenlegt.
Juristisches Tauziehen unmittelbar vor der Hinrichtung
Der Tag der geplanten Hinrichtung war bereits vor Beginn des eigentlichen Vollzugs von kurzfristigen juristischen Auseinandersetzungen geprägt.
Mehrere Rechtsmittel verzögerten das Verfahren zunächst.
Erst nachdem der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten den Weg für die Hinrichtung freigemacht hatte, wurde mit dem Vollzug begonnen.
Nach Angaben von Pikes Anwälten dauerte allein das Legen der intravenösen Zugänge ungewöhnlich lange und erforderte mehrere Versuche.
Gerade dieser Punkt könnte für die Untersuchung von zentraler Bedeutung sein.
Zeugen berichteten von fortgesetzter Atmung
Zeugen der Hinrichtung berichteten, dass Pike auch nach der Verabreichung der Medikamente weiterhin Lebenszeichen gezeigt habe.
Sie soll weiter geatmet und schnarchende Geräusche gemacht haben.
Trotzdem seien die Zeugen aus dem Beobachtungsbereich geführt und die Vorhänge geschlossen worden.
Nach dem Hinrichtungsprotokoll des Bundesstaates wurden insgesamt zwei Dosen Pentobarbital verabreicht.
Das Medikament wird in hohen Dosen eingesetzt, um bei Hinrichtungen zunächst Bewusstlosigkeit und anschließend den Tod herbeizuführen.
Im Fall Pike trat der vorgesehene Ablauf jedoch offenbar nicht ein.
Anwälte vermuten falsch platzierte Infusionszugänge
In einem am 2. Oktober eingereichten Eilantrag schilderten Pikes Anwälte ihren Zustand nach dem misslungenen Vollzug.
Demnach waren ihre Arme geschwollen, mit Blasen übersät und stark verfärbt.
Die Anwälte vermuten, dass die Infusionszugänge möglicherweise nicht korrekt in den Venen lagen oder die Gefäße während des Vorgangs beschädigt wurden.
Dadurch könnte das Pentobarbital zumindest teilweise nicht direkt in den Blutkreislauf gelangt sein, sondern in das umliegende Gewebe.
Besonders schwer wiegt der Vorwurf, dass Mitglieder des Hinrichtungsteams dies während des Vorgangs möglicherweise nicht bemerkten.
Ob diese Darstellung zutrifft, muss nun die unabhängige Untersuchung klären.
Ein historisch ungewöhnlicher Fall
Nach Einschätzung des amerikanischen Death Penalty Information Center könnte Christa Pike der erste bekannte Mensch sein, der eine Hinrichtung überlebt hat, nachdem die vorgesehenen Hinrichtungsmedikamente bereits tatsächlich in seinen Körper gelangt waren.
Damit unterscheidet sich der Fall von früheren misslungenen Hinrichtungen, bei denen ein Verfahren beispielsweise wegen Problemen beim Legen eines venösen Zugangs abgebrochen wurde, bevor die tödlichen Medikamente vollständig verabreicht werden konnten.
Der Fall Pike dürfte deshalb weit über Tennessee hinaus eine neue Debatte über die praktische Durchführung von Hinrichtungen durch Giftspritze auslösen.
Erneut steht Tennessees Hinrichtungssystem infrage
Der Rücktritt von Frank Strada löst die grundlegenden Fragen nicht.
Vielmehr richtet sich der Blick nun auf die angekündigte unabhängige Untersuchung.
Dabei muss geklärt werden, ob das Hinrichtungsprotokoll eingehalten wurde, wie die intravenösen Zugänge kontrolliert wurden, warum trotz fortbestehender Lebenszeichen weitere Medikamente verabreicht wurden und zu welchem Zeitpunkt Verantwortliche erkannten, dass die Hinrichtung gescheitert war.
Ebenso stellt sich die Frage, welche Konsequenzen aus früheren Problemen im Hinrichtungssystem Tennessees tatsächlich gezogen worden waren.
Dass der Bundesstaat bereits 2022 wegen Verstößen gegen die eigenen Hinrichtungsprotokolle einen Vollzugsstopp verhängt hatte und nur wenige Jahre später erneut ein schwerwiegender Zwischenfall eintritt, dürfte den politischen und juristischen Druck erheblich erhöhen.
Für Christa Pike selbst geht es inzwischen zunächst nicht mehr um die geplante Hinrichtung, sondern um ihren Gesundheitszustand.
Währenddessen steht Tennessee vor der Aufgabe, zu erklären, wie ein staatlich streng geregeltes Verfahren derart außer Kontrolle geraten konnte – und ob das bestehende System überhaupt in der Lage ist, eine Todesstrafe nach den eigenen Vorgaben durchzuführen.
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