Misstraut der Inflation

Was sagt uns der Begriff der Inflation  in Zeiten, in denen sich Preise und Gratiskultur  ständig ändern?  Welche Gefühle treiben uns, wenn wir fehlende Inflation beklagen, die wir Jahrzehnte verteufelten? 

Ende August veröffentlicht das Statistische Bundesamt eine Zahl, die im Wirtschaftsleben  Breitenwirkung hat. Deutsche Verbraucher wundern sich über den jüngsten Preisanstieg mancher Lebensmittel wie Butter und zum anderen Extrem den Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), der die Geldpolitik im Währungsgebiet verantwortet. Alle warten gespannt auf den Protzentsatz, der aufzeigt, wie stark die Preise im August gestiegen sind. Die Teuerungsrate, die Wiesbadener Statistiker auf Basis eines identisch definierten „Warenkorbs“ monatlich errechnen, hat im Juli 1,7 Prozent betragen. Verbraucher möchten erfahren, wie stark ihre Kaufkraft innerhalb eines Jahres gesunken ist, wie viel weniger sie für gleichen Aufwand erhalten. Zentralbanker wollen, dass diese Rate dem EZB-Ziel von rund zwei Prozent nahekommt.

Verbraucher wollen das angeblich auch, denn damit steigt vermeintlich der Sparzins. Kaum einer von ihnen rechnet nach: Jedes Prozent der Inflationsrate schlägt sich im Durchschnitt mit ca. 0,7% in der Sparrate nieder – wenn Banken und Sparkassen dieses Spiel mitmachen. Hinweis für die Leser: Inflation = Verlust!

Wer sich an Unternehmen beteiligt

  • durch den gezielten Erwerb von Aktien
  • programmiert über ein Management oder Indizes (z. B. ETFs).

verdient mittelfristig definitiv mehr als auf dem Sparbuch und kann bei niedriger Inflationsrate weiter billig einkaufen. Jedes Blatt hat zwei Seiten und jeder Verbraucher seine Lebensphilosophie:

Was stört die Inflationsrate, wenn wir in einer Gratiskultur leben, die viele als „unheilvoll“ bezeichnen? Angst umfängt den Verbraucher, wenn er hört, dass Banken und Sparkassen diese beenden wollen                                  – kein kostenloses Girokonto, kein kostenfreies Abheben von Geld am Automaten, kein Online kostenlos.

Wenn Banken ihr Geld, bzw. das der Sparer, bei einer Zentralbank deponieren, müssen sie Negativzinsen zahlen. Geldautomaten und Banking-Terminals haben jede Bank Geld gekostet. Das Bereithalten von Geld zur Auszahlung kostet – egal, ob es aus dem Automaten oder vom Kassierer am Schalter kommt! Das Verwenden von Geld stellt für die Volkswirtschaft eine Belastung dar, wenn sie weiß, dass es billiger geht. In Hamburg hat die erste Verkaufskette begonnen ihre Waren des täglichen Bedarfs nur noch gegen unbare Bezahlung anzubieten. Kostenloses Privatfernsehen war gestern.

Gratiskultur gibt bzw. gab es bei Banken, Zeitungsverlagen, im Internet. Ryanair will trotz des Gegentrends kostenfreie Flüge anbieten – wohin auch immer. Die TU Darmstadt definiert das seit Jahren mit einem Satz: „Der Preis des Kostenlosen.“

Kultur wird in der Folge spontan nicht mehr im Sinne der Kultiviertheit, sondern von einfältigem Brauchtum genutzt. Das beinhaltet Negatives wie die „Willkommenskultur“, den Vorwurf fremdes Volk ins Land zu lassen (vgl. Prüfer, T. ; 2017-04-07). Das geht so weit, dass Unternehmen für den täglichen Bedarf angegriffen werden, wenn sie Schweineschulter zu € 1,99 anbieten. Richtig ist, dass Unternehmen den Geschäftszweck verfolgen Umsatz und mit so wenig Kosten wie möglich Gewinne zu erzielen. Banken haben nie den Eindruck erweckt, dass sie beim Handel mit Geld solches mit schlechter Qualität anbieten. Bei Verbrauchermärkten könnten wir unterstellen, dass das Fleisch bestimmter Tiere eben schädlich sein kann. Das wird der Mediziner gern bestätigen – und doch essen Verbraucher dieses Fleisch, weil günstig (€ 2,01), lehnen Billiges (€ 1,99) ab.

Wer bei einer Bank in der Führung arbeitet, wird dies nicht tun, weil seine Eltern ihm beigebracht haben, alles Geld an die Armen zu geben – auch keine Verrechnungskonten. Ausnahme: Tom Königs, der als Erbe von Millionen der Gründer eines Bankinstituts dieses dem Vietkong überstellt hat.  Andere Bankbezogene streben weiter Profite an. Wer dort etwas gratis gibt, verspricht sich Gewinne an anderer Stelle (= Kalkulation).

Dennoch fragen sich Zentralbanken, ob sie es wagen können, den Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik zu beginnen. Die älteste Notenbank der Welt, die schwedische Zentralbank (gegr. 1668), argumentiert beim Treffen der wichtigsten Notenbankchefs der Welt in Jackson Hole (USA) für eine Änderung des bisherigen Inflationsregimes mit einem „Variationsband“ von ein bis drei Prozent – im Hintergrund die schwedische Inflationsrate von 2,2% für den Juli. Am 6. September könnte anstelle der erwarteten Lockerung beschlossen werden (vgl. af Jochnick, K., 2017-08-25) eine Bandbreite zu definieren. Gewerkschaften müssen überlegen, welche Lohnforderungen sie demnächst vortragen sollten, da langfristige Effekte schwerer vorherzusagen sein werden und Flexibilität glaubwürdiger wäre – wenn auch zu Lasten des Images der EZB! Folgt diese ohne Widerspruch werden die Entscheidungen politischer – ohne Legitimation (vgl. Mallien, J., 2017-08-25)

Wer sich an der Preisentwicklung orientiert, will nicht Bandbreiten kennen lernen, sondern wissen, wie aussagekräftig die monatlich errechnete Teuerungsrate ist.  Zweifel gibt es an Auswahl und Gewichtung der etwa 600 Güter und Dienstleistungen im Warenkorb. Repräsentiert dieser Konsumgewohnheiten – und von welchem repräsentativen Durchschnitt? Schließlich unterscheiden sich Vorlieben und Bedürfnisse der Verbraucher voneinander: Für Vegetarier und Veganer ist es bedeutungslos, wenn Fleisch und Fleischwaren mehr kosten als im Jahr zuvor. Nichtrauchern ist es schnuppe, dass Tabak immer teurer wird. Zum anderen verzerrt der Online-Handel mit dynamisch schwankenden Preisen die Welt der Statistiker. Wie sollen die „Inflationsmesser“ eines Produkts den Preis festlegen, wenn dieser Preis rund um die Uhr rauf und runter geht?  Eine Digitalkamera kann bei Amazon von einem Tag auf den anderen für 20 Euro weniger angeboten wird? Wenn Bürger den  Verbraucherpreisindex beachten, ist das verfehlt, denn er trifft die Realität der Menschen in Deutschland nicht (vgl. Stahl, F., 2017-08; Uni Mannheim).

Die Tücken der Verbraucherpreisindices zeigen sich in der Preiserhebung: Preisermittler durchforsten in der Mitte jedes Monats Einzelhandelsgeschäfte in Städten und Dörfern und protokollieren die Preise bestimmter Produkte. Diese ermittelten Daten für Bananen, einen Tablet-PC oder eine Damenbluse werden danach an das jeweilige Statistische Landesamt weitergeleitet, wo die Preise auf Plausibilität geprüft werden. Darüber hinaus werden die Preise für Dienstleistungen wie Schornsteinfeger, Pflegedienste sowie für Versicherungen, Bankgebühren, Mieten mit Nebenkosten (Anteil:  32 Prozent des Verbraucherpreisindex) herangezogen.

Dieses System funktionierte bis zum Beginn der Shoppingwelt im Internet. Online-Händler wie Amazon verändern die Preise oft – nach Untersuchungen mehr als drei Millionen Mal im Monat.  Supermärkte und Elektronikgeschäfte ändern Preise bei allwöchentlichen Sonderangeboten: Elektronische Preisschilder an den Regalen machen es möglich abrupt neue Preise auszuweisen. Das verwirrt Kunden und stellt die Wiesbadener Statistiker vor Probleme – und das wird zur Kulturfrage. Gegenmaßnahme: Gratiskultur nicht beschimpfen, wenn sie abgeschafft wird wie bei den Sparkassen! Nachdenken führt zu Erkenntnissen der Kostenloskultur. In Deutschland darf jeder Supermarkt gratis betreten werden – ohne den Nachweis etwas kaufen zu wollen.

Supermärkte und Behörden sind ohne Eintrittskarte nutzbar. Wer kennt noch die Bahnsteigkarte – früher zu DM 0,20 zu lösen, bevor der Perron betreten werden durfte? Fans von elektrisch betriebenen Fahrzeugen werden die Stellplatzmiete kennenlernen, wenn sie den Akku ihres Prachtautos auf 80 – 100% Kapazität in  30 – 360 Minuten aufladen wollen. Die Kaufprämie kann helfen die Akku-Ladestellplatzmiete zu finanzieren. Wer in verbundenen Imbiss-Stationen über die Ladezeit Snacks und Getränke nimmt, bekommt einen Gutschein für die Stellplatzmiete. Wir dürfen auf die Kostenloskultur schimpfen!  Viele Einzelhandelsketten haben wegen der Gratiskultur aufgeben müssen – und wie berechnen wir daraus die Inflation?

Im Prinzip ist dieses dynamische Preisverhalten seit Jahren bekannt. Autofahrer kennen sie von Tankstellen, an denen der Sprit (ohne Standgebühr) mal teurer oder billiger ist, je nach Tageszeit oder ob Ferien sind. Bei der Buchung von Flügen gehören dynamische Preise zum Alltag: Je weniger Plätze verfügbar sind, desto teurer können die Tickets werden.

Wenn die Preise ohne ersichtlichen Grund und Druck von Angebot und Nachfrage schwanken, bestimmen die Algorithmen des Online-Händlers den Preis und zeigen die Grenze des Erfassbaren. Was taugt die daraus monatlich berechnete Inflationsrate? Preisstatistik im digitalen Zeitalter kann wie die Bevölkerungsstatistik nicht mehr aussagekräftig sein, obwohl  es die Behörde als Herausforderung sieht die Handelswelt mit einem dafür entwickelten Computerprogramm abbilden zu können (Stahl, F., ebda).

Web-Scraping verfolgt Preise automatisch im Netz – für eine Studie über drei Monate. Dynamische Preise sind kein Massenphänomen, werden  Online-Händlern intensiv eingesetzt – bei geringfügigen Schwankungen. Wenn eine Waschmaschine für 499,99 Euro hundertmal am Tag um je zwei Cent teurer oder billiger wird, hat das keinen Einfluss auf die Inflation. Wenn die Spanne wächst, sind Verzerrungen programmiert. Selbst das Web-Scraping ist nicht des Preis-Rätsels Lösung (vgl. Klemm, Th., 2017-08-27).

Das System erkennt Preisveränderungen, weiß aber nicht, ob ein Produkt hochwertiger geworden ist.  Auf die Elektroautos und die Tankstellplatzmiete sei verwiesen.  Elektroartikel wie Fernseher oder Digitalkameras kommen in kurzen Abständen verbessert auf den Markt. Qualitätssteigerungen kann eine Software noch nicht erkennen, sondern nur ein Produktspezialist aus Fleisch und Blut. Erst künstliche Intelligenz wird das ermöglichen.  Mitarbeiter des Statistischen Bundesamtes analysieren jede technische Verbesserung zwischen  alten und neuen Modellen, berechnen den Wert des Qualitätsunterschieds und erkennen die Preisänderung.

Die Preiserfassung ist für Verbraucher dennoch nicht aussagekräftig. Käufe und Buchungen werden von eigenen(!) Planungen begleitet – ohne  die Buchung im Reisebüro. Persönliche Rabatte und  Vergünstigungen wie Bonusprogramme sind mit personalisierten Preisen vergleichbar. Der Zeitaufwand der Konsumenten dafür  wird im Verbraucherpreisindex (noch) nicht berücksichtigt, für Statistiker nicht mehr zu erfassen sein.

Preise, die der Verbraucher netto bezahlt, sind theoretisch erfassbar, aber die Realisierung ist noch nicht möglich. Bis das Ideal erreicht ist, ist die veröffentlichte Inflationsrate mit Vorsicht zu genießen (Klemm ebda.).

 

 

Eine Antwort

  1. derPrüfer 29. August 2017

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