Nach den gewaltsamen Ausschreitungen im mexikanischen Bundesstaat Jalisco blicken viele Mexikanischstämmige in den USA mit Sorge auf ihre Heimat. Ausgelöst wurden die Unruhen offenbar durch eine Militäroperation am 22. Februar, bei der laut Behörden der mutmaßliche Drogenkartellboss Nemesio Rubén Oseguera Cervantes getötet wurde.
In mehreren Städten, darunter Guadalajara, brannten Autos und Geschäfte. Straßen wurden blockiert, es kam zu Schusswechseln. Für viele Familien auf beiden Seiten der Grenze begann eine Zeit banger Ungewissheit.
„Diese schwelende Angst“
Eva Zarate, eine 33-jährige Therapeutin aus Oakland, Kalifornien, war erst einen Tag vor der Militäroperation bei Verwandten in Guadalajara zu Besuch. Ihr Mann war zum ersten Mal mitgereist. Gemeinsam besuchten sie die Gräber ihrer Großeltern, ihre Tante kochte traditionelle Gerichte wie „carne en su jugo“.
Zurück in Kalifornien wurden sie am Morgen des 22. Februar von Nachrichten über brennende Fahrzeuge und Gefechte geweckt. In neu gegründeten WhatsApp-Gruppen versuchte Zarate hektisch, alle Angehörigen zu erreichen.
„Ich fühle diese schwelende Angst und Anspannung seit Tagen“, sagt sie. Familienmitglieder schickten Videos, um zu zeigen, dass sie in Sicherheit seien – manche filmten brennende Autos am Straßenrand, andere sich selbst zu Hause vor dem Fernseher. Dann wurde es still in den Chats, als viele sich in ihren Häusern verbarrikadierten.
Gewalt mit begrenzten zivilen Opfern
Nach Angaben von Reuters kamen bei den Auseinandersetzungen 25 Mitglieder der mexikanischen Nationalgarde und 34 mutmaßliche Kartellmitglieder ums Leben. Ein ziviles Todesopfer wurde bestätigt. Dennoch legte ein „Code Red“ in Jalisco für mehrere Tage Schulen und Geschäfte lahm.
Guadalajara, eine Millionenmetropole und Austragungsort von Spielen der Fußball-WM 2026, ist seit Jahren Schauplatz der Gewalt im mexikanischen Drogenkrieg. Immer wieder tauchen dort Plakate mit Fotos sogenannter „Desaparecidos“ auf – Menschen, die im Zusammenhang mit der organisierten Kriminalität verschwunden sind.
Während internationale Medien vor allem über gestrandete Touristen in Ferienorten wie Puerto Vallarta berichteten, sorgten in Guadalajara blockierte Straßen und brennende Gebäude für Chaos im Alltag.
Transnationaler Stress
Hortencia Jiménez, Soziologieprofessorin am Hartnell College in Kalifornien, spricht von „transnationalem Familienstress“. Angehörige in den USA versuchten gleichzeitig, ihre Familien zu erreichen, und seien mit teils verstörenden Bildern in sozialen Medien konfrontiert – darunter auch Falschinformationen.
So verbreiteten sich etwa Aufnahmen eines angeblich brennenden Flugzeugs am Flughafen von Guadalajara, die sich später als manipuliert oder aus dem Zusammenhang gerissen herausstellten. Laut Reuters handelte es sich offenbar um gezielte Desinformation.
„Die Angst kommt von beiden Seiten“, sagt Claude Castañeda, 28, aus San Diego. Seine Familie besucht regelmäßig Verwandte in Tijuana. Als dort – fast 2.000 Kilometer von Guadalajara entfernt – ebenfalls Autos brannten, bat eine Tante darum, vorerst keine Lebensmittel vorbeizubringen.
„Für manche geht es darum, ob sie ihre Urlaubspläne ändern“, sagt Castañeda. „Für uns geht es darum: Können wir unsere Familie noch für notwendige Dinge besuchen?“
Politische Spannungen verschärfen Lage
Parallel erleben viele mexikanische Familien in den USA eine verschärfte Migrationspolitik. Mexikaner stellen die größte Einwanderergruppe in den Vereinigten Staaten; etwa jeder zehnte US-Bürger hat laut Volkszählung mexikanische Wurzeln.
Zugleich steht die Frage im Raum, ob US-Präsident Donald Trump seine Drohungen wahrmachen und militärisch stärker gegen mexikanische Drogenkartelle vorgehen könnte. Eine solche Eskalation würde die Spannungen weiter erhöhen.
Der Literaturwissenschaftler Oswaldo Zavala von der City University of New York sagt, viele Menschen hätten Mühe, die Ereignisse einzuordnen. Die Bevölkerung sei an Gewaltausbrüche gewöhnt, die häufig auf militärische Operationen folgten. Gleichzeitig erschwerten Falschinformationen und virale Videos eine nüchterne Einschätzung der Lage.
Zwischen Ohnmacht und Hoffnung
Trotz allem versuchen manche, mit schwarzem Humor die Situation zu bewältigen. In sozialen Netzwerken kursieren Memes, die die Lage überspitzt darstellen – etwa bewaffnete Brothändler oder verängstigte US-Touristen.
Für Zarate bleibt jedoch ein Gefühl der Ohnmacht. „Ich fühlte mich hilflos, als es um ihre Sicherheit ging“, sagt sie. „Und jetzt fühle ich mich hilflos, wenn es darum geht, sie zu unterstützen.“
Dennoch haben sie und ihr Mann beschlossen, später im Jahr erneut nach Mexiko zu reisen, um ihre Familie zu besuchen – in der Hoffnung, dass sich die Lage bis dahin beruhigt hat.
Kommentar hinterlassen