Seit dem Jahr 2020 ist der Einstieg ins Motorradfahren für Autofahrer deutlich einfacher geworden. Mit der sogenannten Schlüsselziffer B196 können Inhaber eines Pkw-Führerscheins Motorräder und Roller bis 125 Kubikzentimeter Hubraum fahren – ohne klassische Motorradprüfung, lediglich nach einer kurzen Schulung. Doch genau dieses Modell steht nun massiv in der Kritik. Der Grund: deutlich gestiegene Unfallzahlen.
Unfallzahlen alarmieren Verkehrsexperten
Nach Einschätzung der Deutschen Verkehrswacht (DVW) hat sich die Verkehrssicherheit seit Einführung der Regelung spürbar verschlechtert. Laut DVW stiegen die Unfallzahlen mit Leichtkrafträdern nach Einführung von B196 um 59 Prozent. Besonders brisant: In den Jahren vor 2020 war die Entwicklung genau entgegengesetzt. Zwischen 2015 und 2019 gingen die Unfallzahlen in dieser Fahrzeugklasse um etwa ein Drittel zurück.
Diese Entwicklung wird durch Daten der Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen (BASt) gestützt. Der Vergleich zwischen 2019 und 2022 zeigt einen klaren Bruch im Trend – zeitlich genau nach Einführung der neuen Fahrerlaubnisregelung.
Kritik: Zu wenig Ausbildung für ein hohes Risiko
Motorräder gelten im Straßenverkehr als besonders gefährlich. Nach Angaben der Verkehrswacht ist die fahrleistungsbezogene Unfallwahrscheinlichkeit bei Motorrädern mehr als zwanzigmal höher als bei Autos. Hinzu kommt die fehlende Knautschzone: Motorradfahrer sind bei Unfällen deutlich schlechter geschützt und oft mit höheren Geschwindigkeiten unterwegs.
Genau hier setzen die Kritiker an. Die aktuelle Regelung verlangt lediglich:
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ein Mindestalter von 25 Jahren,
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einen Autoführerschein seit mindestens fünf Jahren,
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sowie eine Schulung mit neun Unterrichtseinheiten in Theorie und Praxis.
Eine Prüfung ist nicht vorgesehen. Nach Ansicht vieler Verkehrsexperten reicht diese kurze Ausbildung nicht aus, um die besonderen Anforderungen und Gefahren des Motorradfahrens sicher zu beherrschen.
Forderung nach Abschaffung oder Reform
Die Deutsche Verkehrswacht spricht von einem gescheiterten Projekt. Aus Sicht der Organisation zeigt die Entwicklung eindeutig, dass die aktuelle Ausgestaltung der Klasse B196 der Verkehrssicherheit schadet. Deshalb wird gefordert, den Motorrad-Zusatz in der jetzigen Form abzuschaffen oder grundlegend zu überarbeiten.
Insbesondere wird eine intensivere und qualitativ hochwertigere Fahrausbildung gefordert. Motorradfahren lasse sich nicht im Rahmen eines kurzen Kurses erlernen – vor allem nicht für Personen, die bislang ausschließlich Erfahrung mit dem Autofahren haben.
Bequemlichkeit versus Sicherheit
Ursprünglich sollte B196 den Umstieg auf kleinere, günstigere und klimafreundlichere Fahrzeuge erleichtern. Gerade im Stadtverkehr schien der 125er-Roller eine attraktive Alternative zum Auto. Die steigenden Unfallzahlen werfen nun jedoch die Frage auf, ob der Gewinn an Mobilität den Preis in Form höherer Risiken rechtfertigt.
Fazit
Die Diskussion um den Motorrad-Zusatz B196 gewinnt an Schärfe. Die Zahlen deuten darauf hin, dass der erleichterte Zugang zum Motorradfahren nicht ohne Folgen geblieben ist. Ob die Regelung tatsächlich abgeschafft wird oder ob strengere Ausbildungsanforderungen eingeführt werden, ist offen. Klar ist jedoch: Die Verkehrssicherheit steht zunehmend im Mittelpunkt – und der kleine Motorradführerschein gerät damit ernsthaft ins Wanken.
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