Kaum sind die ersten Filme gezeigt, da läuft auf der Berlinale bereits das spannendste Drama – und zwar nicht im Wettbewerb, sondern im Presseraum. Nach nur 48 Stunden Festival spricht die Leitung von einem „medialen Sturm“, der über das Traditionsfestival hereingebrochen sei. Offenbar reicht inzwischen nicht mehr Applaus oder Buhrufe – es muss gleich ein Orkan sein.
In einem offiziellen Statement stellte sich die Berlinale demonstrativ vor ihre Filmschaffenden, insbesondere vor Jury und Jurypräsident. Man wolle Künstlerinnen und Künstler schützen, hieß es. Teile der öffentlichen Debatte würden Aussagen aus Pressekonferenzen aus dem Zusammenhang reißen – oder sie gleich komplett in einen neuen Kontext montieren.
Festivaldirektorin Tricia Tuttle wurde dabei grundsätzlich. Auf der Berlinale sei der Ruf nach freier Meinungsäußerung laut – und diese finde auch statt. Allerdings gebe es ein wachsendes Problem: Filmschaffende würden inzwischen offenbar in eine kommunikative Zwickmühle gedrängt.
Sie werden kritisiert, wenn sie nichts sagen.
Sie werden kritisiert, wenn sie etwas sagen.
Und sie werden kritisiert, wenn sie komplexe Gedanken nicht in ein 15-Sekunden-Zitat pressen können, das zwischen zwei Blitzlichtern und drei Mikrofonen entsteht.
Mit anderen Worten: Willkommen im Zeitalter der Soundbite-Moral.
Die Berlinale betont nun, Künstlerinnen und Künstler seien frei, ihr Recht auf Meinungsäußerung so auszuüben, wie sie es selbst für richtig halten. Eine Selbstverständlichkeit – möchte man meinen. Doch im aufgeheizten Festival-Klima scheint selbst das inzwischen erklärungsbedürftig.
So bleibt die Frage, die über dem roten Teppich schwebt:
Geht es noch um Filme – oder längst um die perfekte politische Performance zwischen Premiere und Pressekonferenz?
Kommentar hinterlassen