Als RB-Fan lernt man ja früh: Transfers gehören in Leipzig zum Geschäftsmodell wie die Bullen aufs Logo. Junge Spieler kommen, entwickeln sich, werden teuer verkauft – und irgendwo im Hintergrund reibt sich die Excel-Tabelle zufrieden die Hände.
Bei Yan Diomande wurde dieses Modell nun auf die Spitze getrieben.
Bis zu 140 Millionen Euro für einen 19-Jährigen, der zu Real Madrid geht? Wirtschaftlich kann man da kaum meckern. Das ist kein Transfer mehr, das ist fast schon ein Börsengang.
Nur gibt es da ein kleines Problem:
Diomande ist jetzt weg. Und ein echter Ersatz kam nicht.
140 Millionen rein – aber 40 Millionen für Ersatz sind plötzlich zu viel?
Genau da beginnt bei mir als RB-Fan das Stirnrunzeln.
Die Begründung lautet: Gute Flügelspieler seien auf dem Markt zu teuer gewesen. Unter 40 Millionen Euro sei kaum etwas gegangen, teilweise wurden 60 Millionen aufgerufen.
Verstanden.
Nur: Wenn man selbst gerade bis zu 140 Millionen kassiert, klingt „40 Millionen sind uns zu teuer“ ungefähr so, als würde jemand im Porschehaus stehen und sagen:
„Schöne Autos, aber bei den Fußmatten muss ich sparen.“
Natürlich soll RB nicht jeden Preis zahlen. Aber Diomande war eben kein Ergänzungsspieler. Er war einer, der Tempo, Eins-gegen-eins und diesen gewissen Irrsinn ins Spiel brachte, bei dem gegnerische Außenverteidiger irgendwann anfangen, ihre Berufswahl zu hinterfragen.
So einen verkauft man nicht mal eben und sagt anschließend:
„Naja, Antonio, Tidiam, Johan und Brajan werden das schon irgendwie machen.“
Mutig.
Oder eben sehr mutig.
Acht Neue – klingt erstmal nach Großbaustelle mit Lieferverkehr
Untätig war Marcel Schäfer natürlich nicht.
Acht neue Spieler kamen.
Maxime Estève für 25 Millionen Euro, Rocco Reitz für 20 Millionen, dazu Leihen mit Kaufoptionen bei Brajan Gruda, Christopher Nkunku und Neil El Aynaoui.
Das liest sich ordentlich.
Und ja, die Mischung gefällt mir sogar teilweise besser als in manchen Jahren zuvor. Ein bisschen mehr Erfahrung schadet diesem Kader ganz sicher nicht.
Denn irgendwann darf ein Spieler bei RB auch mal älter als 21 sein, ohne dass sofort jemand fragt, ob er schon für die Traditionsmannschaft eingeplant ist.
Aber:
Viele Transfers sind nicht automatisch gute Transfers.
Entscheidend ist, ob der Kader am Ende besser funktioniert.
Nkunku zurück – schön. Aber offenbar nicht Plan A
Christopher Nkunku wieder in Leipzig zu sehen, hat natürlich Charme.
Da werden Erinnerungen wach.
Tore, Technik, Tempo, diese berühmten Auftritte, bei denen man sich gefragt hat, ob der Ball eigentlich an seinem Fuß festgeklebt ist.
Nur war Nkunku laut Bericht offenbar eher die Reaktion auf den geplatzten Asllani-Transfer.
Also nicht unbedingt:
„Wir holen unbedingt Christopher zurück.“
Sondern eher:
„Okay, Plan A klappt nicht. Was macht eigentlich Nkunku?“
Kann funktionieren.
Muss aber nicht unbedingt nach großer strategischer Meisterplanung klingen.
Kader verschlankt – na ja, so halb
Auch bei den Abgängen bleibt ein kleiner Beigeschmack.
Schäfer wollte Spieler verkaufen.
Am Ende wurde wieder einiges verliehen.
Das ist ungefähr die Transfer-Version von:
„Ich habe den Keller aufgeräumt.“
Und wenn man die Tür öffnet, steht alles jetzt eben nur in anderen Kartons.
Lukas Klostermann wurde nicht abgegeben.
Arthur Vermeeren auch nicht.
Beim Belgier hofft man noch auf ein offenes Transferfenster irgendwo zwischen Belgien und Schottland.
Da bekommt der Ausdruck „europaweit vernetzt“ plötzlich eine ganz neue Bedeutung.
Und dann ist da Vermeeren
Arthur Vermeeren bleibt ohnehin eine Personalie, bei der man als Fan irgendwann gern den Plan erklärt bekommen würde.
Jung, hochveranlagt, große Erwartungen.
Jetzt wirkt es eher so, als würde man jedes Transferfenster aufs Neue schauen, ob irgendwo jemand Bedarf hat.
Das ist nicht gerade das klassische RB-Erfolgsmodell.
Eigentlich lautet die Idee:
Kaufen, entwickeln, Champions League, teuer verkaufen.
Nicht:
Kaufen, hoffen, verleihen, nochmal hoffen.
Diomande bleibt der große Knackpunkt
Am Ende läuft alles auf diese eine Frage hinaus.
Kann RB den Abgang von Yan Diomande intern auffangen?
Wenn Nusa explodiert, Gruda durchstartet, Bakayoko liefert und Gomis den nächsten Schritt macht, dann wird Marcel Schäfer wahrscheinlich irgendwann mit einem sehr zufriedenen Gesicht erklären:
„Wir wussten genau, was wir tun.“
Und alle werden nicken.
So ist Fußball.
Funktioniert es nicht, wird dieselbe Entscheidung plötzlich ganz anders aussehen.
Dann wird man im Januar sagen:
„Vielleicht wäre so ein Flügelspieler für 45 Millionen doch nicht komplett verrückt gewesen.“
Also, Herr Schäfer?
270 Millionen Euro bewegt.
Acht Spieler geholt.
Diomande für bis zu 140 Millionen verkauft.
Den Kader teilweise verschlankt.
Klingt erstmal beeindruckend.
Aber als RB-Fan interessiert mich weniger, ob die Transferbilanz schön aussieht.
Mich interessiert, ob wir am Samstag gewinnen.
Deshalb lautet mein Zwischenfazit:
Finanziell vermutlich sehr ordentlich. Sportlich noch mit dickem Fragezeichen.
Und gerade beim fehlenden Diomande-Ersatz bleibt diese leicht süffisante Frage hängen:
Herr Schäfer, wenn ein Verein 140 Millionen Euro einnimmt und anschließend erklärt, 40 bis 60 Millionen für Ersatz seien zu teuer – war das wirklich cleveres Wirtschaften oder einfach nur sehr mutiges Sparen?
Die Antwort gibt wie immer nicht Excel.
Die gibt der Platz.
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