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Künstlich intelligent – oder einfach künstlich? Albaniens KI-Ministerin „Diella“ und das digitale Feigenblatt der Korruptionsbekämpfung

IsabelPerello (CC0), Pixabay
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Von einem Land, das für seine politische Dauerkrise bekannt ist, kommen selten echte Überraschungen. Doch diesmal hat Albanien es geschafft, weltweit Schlagzeilen zu machen – mit einer Ernennung, die sich liest wie Science-Fiction, aber ganz real ist:
Eine künstliche Intelligenz mit traditioneller Tracht wird Ministerin. „Diella“, die Sonne, soll ab sofort die Korruption im öffentlichen Beschaffungswesen beenden. Wirklich?

Digitale Erlöserin oder PR-Stunt in der Cloud?

Premierminister Edi Rama feiert „Diella“ als transparentes Supertool, als KI-Wunderwaffe gegen Vetternwirtschaft, Schmiergeld und intransparente Vergaben. Entscheidungen über öffentliche Ausschreibungen sollen in Zukunft nicht mehr von menschlichen Ministern, sondern von der programmierten Objektivität „Diellas“ getroffen werden.

So weit, so visionär. Oder besser gesagt: so naiv, so gefährlich – und so bequem.

Denn was hier als technologische Innovation verkauft wird, ist bei näherem Hinsehen eine digitale Blackbox mit politischen Nebenwirkungen. Eine Ministerin ohne Körper, ohne Verantwortlichkeit, ohne parlamentarische Kontrolle – dafür mit einem Algorithmus, den niemand kennt, den niemand wählt, und der vielleicht genau das tut, was seine Schöpfer ihm heimlich beibringen.

Korruption algorithmisch beseitigen? Oder algorithmisch verschleiern?

Natürlich klingt es verführerisch: Eine KI, die nicht bestechlich ist, keine Parteispenden nimmt, keine Familienmitglieder begünstigt. Doch die entscheidende Frage ist nicht, ob die Maschine korrupt ist – sondern ob ihre Entwickler es sind.

Wer programmiert Diella? Wer kontrolliert sie? Wer trägt Verantwortung, wenn der Zuschlag doch wieder an den Cousin des Parteifreunds geht – diesmal algorithmisch gerechtfertigt?

Selbst kritische Stimmen im Land schlagen Alarm. Die Oppositionspolitikerin Jorida Tabaku bringt es auf den Punkt:

„Man kann ein manipuliertes System nicht reparieren, indem man es in die Cloud stellt.“

Doch genau das scheint Premier Rama vorzuliegen: eine schöne Cloud mit eingebautem Feigenblatt. Praktisch unantastbar, immun gegen Fragen – und perfekt geeignet, um den Schein von Fortschritt zu wahren, während im Hintergrund dieselben Netzwerke weiterlaufen wie eh und je.

Von echten Problemen zur virtuellen Lösung

Die Ironie ist kaum zu übersehen: Während der Premier von algorithmischer Reinheit spricht, sitzt der ehemalige Premier Ilir Meta im Gefängnis, der aktuelle Bürgermeister von Tirana Erion Veliaj unter Anklage – beide wegen schwerer Korruptionsvorwürfe. Der Oppositionsführer Sali Berisha steht ebenfalls vor Gericht.

Doch statt die Justiz zu stärken, die Kontrollmechanismen zu reformieren oder die Medienfreiheit zu fördern, bekommt Albanien eine digitale Maskerade.

Ein Land, in dem ein Drittel aller öffentlichen Aufträge ohne echten Wettbewerb vergeben wird, braucht keine KI-Ministerin. Es braucht ehrliche Menschen – mit Rückgrat, nicht mit Codezeilen.

Ramas digitale Zukunft: Fortschritt oder Fantasie?

Albaniens Premier liebt das große Bild. Er träumt laut von einem KI-Premierminister – vielleicht sogar als Nachfolger seiner selbst. Wer braucht schon Demokratie, wenn man Dialoge mit einer Maschine führen kann? Wer braucht parlamentarische Kontrolle, wenn die Datenbank entscheidet?

Doch wer regiert in so einem System wirklich? Die künstliche Intelligenz – oder die ganz reale Macht im Hintergrund?

Fazit: Die wahre Sonne scheint dort, wo es echte Transparenz gibt

„Diella“ heißt „Sonne“ – doch die Frage ist, ob sie wirklich Licht ins Dunkel bringt oder bloß den Nebel besser beleuchtet, in dem Korruption weiter gedeiht.

Künstliche Intelligenz kann ein Werkzeug sein, ein mächtiges sogar. Aber kein Werkzeug ersetzt den Willen zur Veränderung. Und kein Algorithmus ersetzt Integrität.

Solange nicht klar ist, wie Diella funktioniert, wem sie dient und wie sie kontrolliert wird, bleibt sie vor allem eines: Ein digitales Symbol für ein reales Problem – das niemand lösen will, also lieber an eine Maschine delegiert.

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