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Kanadas große Waffenrückkauf-Aktion droht zu scheitern: Viel Geld, viel Streit, wenig Wirkung?

jorono (CC0), Pixabay
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Kanada wollte mit dem größten Vorstoß zur Waffenkontrolle seit Jahrzehnten ein starkes Signal setzen. Nach dem Verbot von rund 2.500 Modellen sogenannter „assault-style weapons“ sollte ein staatliches Rückkaufprogramm dafür sorgen, dass diese Waffen tatsächlich aus dem Verkehr gezogen werden.

Doch genau dieses Programm entwickelt sich zunehmend zum politischen Problemfall.

Es gibt Verwirrung bei legalen Waffenbesitzern, Widerstand aus Provinzen, Kritik von Polizeibehörden – und selbst einige der lautesten Befürworter strenger Waffengesetze sagen inzwischen: So, wie Ottawa es umsetzt, könnte die Maßnahme am Ziel vorbeigehen.

Ein alter Kampf – und ein unvollständiger Sieg

Für Aktivistin Heidi Rathjen ist die Debatte keine abstrakte politische Frage. Sie kämpft seit 1989 für ein Verbot von Sturmgewehr-ähnlichen Waffen – seit dem Massaker an der École Polytechnique in Montreal, bei dem 14 Frauen ermordet wurden.

Die damalige Tat veränderte Kanada nachhaltig. Jahrzehnte später zog Ottawa nach einem weiteren schweren Massaker 2020 endlich Konsequenzen und verbot Tausende Waffenmodelle.

Auf dem Papier klingt das nach einem Durchbruch.

In der Praxis aber sagt Rathjen: Das Verbot greift nicht weit genug.

Aus ihrer Sicht bleibt das Programm halbherzig, solange bestimmte halbautomatische Gewehre – etwa das SKS – weiterhin nicht umfassend erfasst werden. Ihre Kritik ist deutlich:

Ohne umfassendes Verbot sei das Ganze kein echtes Verbot – und am Ende werde viel Geld verbrannt.

Sogar der zuständige Minister wirkte ratlos

Besonders peinlich für die Regierung: Selbst Kanadas Minister für öffentliche Sicherheit, Gary Anandasangaree, geriet mit dem Programm in Erklärungsnot.

In einem geleakten Audiomitschnitt soll er sinngemäß gesagt haben, man solle ihn besser nicht nach der Logik des Programms fragen – vor allem, wenn viele Waffenverbrechen in Kanada mit illegalen Waffen begangen werden.

Später ruderte er zurück und nannte seine Aussagen „fehlgeleitet“. Offiziell verteidigt er die Maßnahme inzwischen wieder.

Trotzdem bleibt der Eindruck hängen:

Wenn selbst der zuständige Minister Schwierigkeiten hat, die Strategie überzeugend zu erklären, ist das politisch selten ein gutes Zeichen.

Warum Kanada nicht Australien ist

Oft wird auf Australien verwiesen, wo nach dem Port-Arthur-Massaker 1996 rund 650.000 Waffen zurückgekauft und vernichtet wurden. Auch Neuseeland gilt nach Christchurch 2019 als Beispiel für ein entschlosseneres Vorgehen.

Warum also tut sich Kanada so schwer?

Experten verweisen auf einen entscheidenden Unterschied:

  • In Australien kamen die Maßnahmen schnell
  • sie waren Teil eines größeren Gesamtpakets
  • und sie wurden klar finanziert und konsequent umgesetzt

In Kanada hingegen wirkt vieles zerstückelt.

Das Rückkaufprogramm steht nicht als Teil einer klaren, stringenten Gesamtstrategie da, sondern eher wie ein politisches Großprojekt, das irgendwo zwischen Sicherheitsversprechen, Verwaltungschaos und föderalem Widerstand festhängt.

Legale Waffenbesitzer fühlen sich zum Sündenbock gemacht

Ein zentraler Konfliktpunkt: Viele legale Waffenbesitzer fühlen sich nicht als Teil des Problems – sondern als bequeme Zielscheibe.

Der Montrealer Waffenhändler Frank Nardi bringt genau dieses Argument vor:

  • Seine Kunden seien lizenziert
  • hätten Sicherheitskurse absolviert
  • hielten sich an Vorschriften
  • und würden jetzt behandelt, als trügen sie die Hauptschuld an Kanadas Gewaltproblem

Er sagt: Wenn Massenschießereien passieren, müsse man auch über psychische Gesundheit, Behördenversagen und andere Faktoren reden – statt pauschal gesetzestreue Jäger und Sportschützen mit neuen Verboten und Einziehungen zu überziehen.

Dazu kommt laut Nardi ein weiteres Problem:

Viele Waffenbesitzer verstehen gar nicht genau, welche Modelle betroffen sind – und welche nicht.

Fast gleich aussehend – aber nur eine Waffe verboten

Genau hier liegt eines der größten Kommunikations- und Glaubwürdigkeitsprobleme.

Nardi zeigt zwei Waffen, die auf den ersten Blick fast identisch wirken:

  • gleiches Kaliber
  • ähnliche Munition
  • ähnliche technische Eigenschaften

Und trotzdem:

Eine ist verboten, die andere nicht.

Für Kritiker ist das der Kern des Problems.

Wenn ein Verbot für Betroffene nicht nachvollziehbar wirkt, entsteht schnell der Eindruck von Willkür statt Sicherheitslogik.

Und genau dieser Eindruck beschädigt jede Akzeptanz.

Zwei Provinzen machen nicht mit

Als wäre das nicht genug, verweigern zwei konservativ regierte Provinzen offen die Gefolgschaft:

  • Alberta will das Programm nicht durchsetzen
  • Saskatchewan schützt Waffenbesitzer vor strafrechtlichen Folgen, solange es aus Sicht der Provinz keine faire Entschädigungsgarantie gibt

Saskatchewans neuer Waffenbeauftragter nennt das Programm offen eine ideologische Maßnahme mit „begrenztem bis gar keinem erkennbaren Nutzen für die öffentliche Sicherheit“.

Das ist politisch brisant, weil es zeigt:

Der Widerstand kommt nicht nur aus Waffenlobbys – sondern inzwischen auch aus föderalen Machtzentren.

Auch Polizeibehörden winken ab

Noch unangenehmer für Ottawa: Mehrere Polizeibehörden haben erklärt, sie wollten das Programm nicht unterstützen.

Ihre Begründung:

  • hoher operativer Aufwand
  • Ressourcenbindung
  • zweifelhafter Nutzen
  • und die Sorge, dass man damit Zeit von wichtigeren Aufgaben abzieht – etwa der Bekämpfung des illegalen Waffenhandels

Das ist ein heikler Punkt.

Denn Kanada hat im Vergleich zu den USA ohnehin deutlich strengere Waffengesetze. Viele Waffen, die bei Straftaten auftauchen – vor allem Handfeuerwaffen – stammen laut Daten etwa aus Ontario zu einem sehr großen Teil aus den USA.

Mit anderen Worten:

Das eigentliche Problem vieler Schusswaffendelikte liegt oft im illegalen Schmuggel – nicht im registrierten Jagdgewehr eines lizenzierten Besitzers.

Und trotzdem: Bei Massakern spielen lange Waffen eine Rolle

Ganz so einfach ist die Sache aber eben auch nicht.

Denn in mehreren schweren Massenschießereien in Kanada wurden eben gerade Langwaffen eingesetzt:

  • École Polytechnique 1989
  • Portapique, Nova Scotia 2020
  • und auch beim jüngsten tödlichen Angriff in Tumbler Ridge in British Columbia im Februar 2026 spielte mindestens ein „modifiziertes Gewehr“ eine Rolle

Dort starben acht Menschen, darunter mehrere Kinder an einer Schule.

Das zeigt:

Die Regierung hat nicht völlig aus der Luft gegriffen, wenn sie gerade Sturmgewehr-ähnliche Waffen in den Fokus nimmt.

Aber der politische Knackpunkt bleibt:

  • Ist das Verbot breit genug?
  • Ist es logisch genug?
  • Und bringt das Rückkaufprogramm tatsächlich mehr Sicherheit – oder vor allem mehr Streit?

Die Zahlen sehen bisher nicht nach Durchmarsch aus

Bislang wurden laut Regierung:

  • mehr als 67.000 Waffen freiwillig gemeldet
  • von über 37.000 Kanadiern

Das klingt zunächst nach viel.

Doch Ottawa hatte Geld für den Rückkauf von insgesamt 136.000 Waffen eingeplant.

Heißt:

Nicht einmal die Hälfte der erwarteten Menge ist bislang im System.

Das allein muss noch kein endgültiges Scheitern bedeuten. Aber es zeigt, dass das Projekt bislang deutlich hinter den Erwartungen zurückbleibt.

Fristen, Gerichte, Unsicherheit – und vielleicht noch mehr Verzögerung

Eigentlich sollen die betroffenen Waffen bis zum 30. Oktober abgegeben und vernichtet werden. Doch selbst dieses Datum wirkt alles andere als sicher.

Denn Kanadas Oberster Gerichtshof will sich nun mit einer Klage gegen das Waffenverbot befassen, nachdem zwei untere Instanzen das Verbot noch bestätigt hatten.

Die Canadian Coalition of Firearm Rights rät betroffenen Besitzern bereits, ihre Anträge zurückzuziehen oder zumindest abzuwarten.

Das bedeutet:

  • mehr Unsicherheit
  • weniger Klarheit
  • womöglich weitere Fristverlängerungen
  • und noch mehr politische Erosion

Das eigentliche Problem: Ottawa investiert viel – aber überzeugt zu wenige

Das vielleicht bitterste Fazit kommt ausgerechnet von einer Aktivistin, die das Verbot grundsätzlich unterstützt.

Heidi Rathjen nennt das Ganze ein mögliches „Albtraum-Szenario“:

  • Die Regierung gibt viel Geld aus
  • setzt viel politisches Kapital ein
  • startet ein hochumstrittenes Programm
  • entschädigt Besitzer
  • schafft aber kein wirklich umfassendes Verbot

Dann hätte Ottawa das Schlechteste aus beiden Welten erreicht:

  • massive politische Kosten
  • massive Widerstände
  • und trotzdem nur begrenzte sicherheitspolitische Wirkung

Fazit: Große Ankündigung, holprige Umsetzung

Kanadas Waffenrückkaufprogramm sollte ein historischer Schritt für mehr Sicherheit werden.

Stattdessen droht es gerade, zu einem Lehrstück dafür zu werden, wie schwer selbst populäre Ziele scheitern können, wenn:

  • Regeln unklar sind
  • Ausnahmen fragwürdig wirken
  • Provinzen blockieren
  • Polizeien nicht mitziehen
  • Gerichte dazwischenfunken
  • und die politische Kommunikation schwankt

Das heißt nicht, dass die Grundidee falsch ist.

Aber es heißt sehr wohl:

Ein Waffenverbot wirkt nur dann überzeugend, wenn es klar, nachvollziehbar, konsequent und praktisch umsetzbar ist.

Im Moment sieht Kanadas größter Waffenkontroll-Versuch seit Jahrzehnten eher so aus:

viel Symbolik, viel Geld, viel Streit – und noch immer die offene Frage, ob am Ende wirklich genug Waffen aus dem Verkehr gezogen werden.

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