Wer hätte gedacht, dass Schneckenschleim – das glitschige Sekret der Tiere – eines Tages ein fester Bestandteil globaler Hautpflegeroutinen sein würde?
Doch genau das ist passiert. Der schleimige Inhaltsstoff steht im Zentrum eines viralen TikTok-Trends und verhalf dem südkoreanischen Nischenlabel CosRX zum internationalen Durchbruch. Heute gehört die Marke zum Kosmetikriesen Amorepacific – dem größten Beauty-Unternehmen Südkoreas.
Der kometenhafte Aufstieg von K-Beauty (Korean Beauty) ist beispiellos. Getragen von sozialen Medien, Popkultur und kontinuierlicher Produktinnovation hat sich die Branche zu einem der bedeutendsten Wirtschaftszweige Südkoreas entwickelt. Allein der heimische Markt hatte 2024 ein Volumen von rund 13 Milliarden US-Dollar – Tendenz weiter steigend.
K-Beauty weltweit gefragt
In der ersten Hälfte des Jahres 2025 überholte Südkorea sogar Frankreich – die Wiege der modernen Kosmetik – und wurde hinter den USA zum weltweit zweitgrößten Exporteur von Schönheitsprodukten. Ob bei Sephora, Boots oder Walmart: K-Beauty-Marken füllen heute ganze Regale in internationalen Handelsketten.
Wer auf TikTok oder Instagram nach „Korean Skincare“ sucht, findet Millionen von Beiträgen – von Hautpflege-Analysen bis zu Unboxing-Videos. Besonders beliebt: das Konzept der „Glass Skin“, Tuchmasken und eben Schneckenschleim.
„Der Markt ist enorm gesättigt und hochkompetitiv. Als Konsument wird man mit Produkten regelrecht überflutet“, sagt Liah Yoo, Beauty-Influencerin und Gründerin der US-basierten Marke Krave Beauty.
Innovation als Erfolgsrezept
Herzstück des Erfolgs ist die Innovationskraft der Branche. Kaum eine andere Industrie bringt in so schneller Folge neue Produkte auf den Markt – oft mit dem Ziel, den nächsten viralen Hit zu landen.
Was einst als Nische galt – etwa zehnstufige Pflegeroutinen oder Masken mit Lachs-DNA – ist heute in Badezimmern von London bis Los Angeles Standard. Möglich macht das vor allem das Zusammenspiel mit sozialen Medien, die Trends in Sekundenschnelle global verbreiten.
Doch die zunehmende Sichtbarkeit hat auch Schattenseiten. Experten warnen, dass ständige Beauty-Inhalte bei jungen Menschen zu Stress, Unsicherheit und überhöhten Ausgaben führen können.
Zwischen Verantwortung und Wachstum
Amorepacific-CEO Kim Seung-hwan betont, dass sich Marken der Risiken bewusst seien: „Ein übermäßiger oder falscher Einsatz von Social Media kann schnell zum Bumerang werden. Wir müssen mit Bedacht agieren.“
Gleichzeitig expandieren westliche Konzerne in den K-Beauty-Markt. So übernahm L’Oréal Ende 2024 einen südkoreanischen Konzern, um die steigende Nachfrage nach wirksamer, aber erschwinglicher Pflege zu bedienen. Auch westliche Marken greifen zunehmend auf K-Beauty-Zutaten wie Centella Asiatica oder Reiswasser zurück.
Industrie mit Tiefgang
Südkoreas Beauty-Branche zählt rund 30.000 Marken – viele davon abhängig von sogenannten ODMs (Original Design Manufacturers). Diese spezialisierten Hersteller übernehmen Produktentwicklung, Formulierung und Produktion für zahllose Labels.
Ein prominentes Beispiel: Cosmax, einer der größten ODMs weltweit, beliefert rund 4.500 Marken – mit Fabriken in Korea, China, den USA und Südostasien. Etwa ein Viertel aller koreanischen Kosmetikexporte 2024 entfielen auf Cosmax-Produkte.
Diese industrielle Infrastruktur ermöglicht extreme Geschwindigkeit: Von der Produktidee bis zum Verkaufsstart vergehen mitunter nur sechs Monate – in Europa oder den USA dauert das oft Jahre. Gleichzeitig sorgt Automatisierung für niedrige Kosten. In einer riesigen Produktionsanlage von Amorepacific bei Seoul überwachen nur wenige Mitarbeiter vollautomatisierte Fertigungslinien für Bestseller wie Laneige Water Sleeping Mask oder das Vitamin C 23 Serum von CosRX.
Doch die Kehrseite: Die Konkurrenz ist hart, die Margen oft dünn. In den letzten Jahren mussten über 8.800 Kosmetikmarken in Südkorea aufgeben.
Wandelnde Märkte, neue Chancen
Lange galt China als wichtigster Absatzmarkt. Doch das hat sich geändert: 2024 überholte erstmals Nordamerika das China-Geschäft von Amorepacific. Auch in Europa, Japan, Indien und dem Nahen Osten rechnet man mit Wachstum.
Der US-Markt bleibt besonders relevant. Hier kaufen Konsumenten mehr koreanische Beauty-Produkte als irgendwo sonst. Allerdings sorgt eine Importsteuer von 15 Prozent – eingeführt unter Präsident Donald Trump – für Unsicherheit. Einige Unternehmen, darunter Koreas größter Händler Olive Young, geben die Zölle an Kunden weiter.
Dennoch bleibt die Branche strategisch wichtig. Im Dezember erklärte die südkoreanische Regierung K-Beauty offiziell zum „wirtschaftlichen Kulturgut“ – und sagte umfassende Unterstützung bei Produktion und Exporten zu.
Vom viralen Hype zur globalen Marke
Was einst als Internetphänomen begann, ist heute ein Milliardenmarkt mit globalem Einfluss. Doch der Erfolg von morgen hängt nicht nur von Innovation und Social Media ab, sondern auch von Transparenz, Nachhaltigkeit – und dem Vertrauen der Kunden.
„Die Konsumenten interessieren sich heute nicht nur für Marken“, sagt Beauty-Influencerin Mia Chen. „Sie wollen wissen, was in den Produkten steckt, woher die Inhaltsstoffe stammen – und dass sie ihrer Haut guttun.“
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