Startseite Allgemeines „Jeder zweite Abgeordnete auf TikTok: Wie das Parlament um Likes und junge Stimmen wirbt“
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„Jeder zweite Abgeordnete auf TikTok: Wie das Parlament um Likes und junge Stimmen wirbt“

viarami (CC0), Pixabay
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TikTok hat die deutsche Politik endgültig erreicht. Oder anders gesagt: Der Bundestag ist auf TikTok angekommen.
Eine aktuelle Analyse des Politik- und Digitalberaters Martin Fuchs zeigt, dass inzwischen die Hälfte aller Bundestagsabgeordneten (51 Prozent) auf der Kurzvideo-Plattform aktiv ist – also in den letzten drei Monaten mindestens ein Video veröffentlicht hat. Zwei Drittel (66 Prozent) verfügen demnach über einen eigenen Account.

Damit wächst der politische Einfluss von TikTok weiter – und verändert, wie politische Kommunikation in Deutschland funktioniert.

Social Media wird zur politischen Bühne

TikTok gilt längst nicht mehr nur als Plattform für Tanzvideos oder Comedy. Für viele Politikerinnen und Politiker ist sie inzwischen ein entscheidender Kanal, um junge Zielgruppen zu erreichen – vor allem Wählerinnen und Wähler unter 30 Jahren.

„TikTok ist mittlerweile eines der wichtigsten Instrumente für politische Reichweite und Imagebildung“, sagt Politikberater Martin Fuchs. Seine Analyse zeigt, dass Abgeordnete aus den politischen Rändern – also von AfD und Linker – besonders aktiv sind. Sie setzen TikTok gezielt ein, um mit provokanten Botschaften oder emotionalen Clips hohe Reichweiten zu erzielen.

Ostdeutsche Abgeordnete besonders präsent

Auffällig ist laut Fuchs, dass der TikTok-Bundestag ein stark ostdeutsches Gesicht hat. Zwar kommen die meisten aktiven Nutzerinnen und Nutzer aus den bevölkerungsreichen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg, doch ostdeutsche Abgeordnete seien überdurchschnittlich aktiv.

Das liege unter anderem daran, dass TikTok im Osten schneller politisch adaptiert worden sei. Parteien wie die AfD und später auch Die Linke hätten früh erkannt, dass sich hier mit geringem Aufwand hohe Reichweiten erzielen lassen – vor allem in ländlichen Regionen und bei jüngeren Zielgruppen.

Die AfD als TikTok-Pionier

Die AfD war laut Fuchs die erste Partei im Bundestag, die TikTok systematisch für politische Kommunikation nutzte – bereits vor fünf Jahren. Ihre Strategen setzten früh auf kurze, zugespitzte Clips mit klaren Feindbildern und emotionaler Ansprache.

Heute folgen viele andere Abgeordnete – auch aus CDU, SPD, FDP und Grünen – diesem Beispiel, wenn auch mit unterschiedlichem Stil. Während konservative Politiker oft versuchen, sachliche Themen zu vermitteln, setzen andere Parteien stärker auf Storytelling, Humor oder direkte Reaktionen auf aktuelle Ereignisse.

Zwischen Bürgernähe und Populismus

Die zunehmende TikTok-Präsenz von Abgeordneten ist jedoch nicht unumstritten. Kritiker warnen, dass die Plattform politische Inhalte verkürzt, Emotionalität über Argumente stelle und damit populistischen Tendenzen Vorschub leisten könne.

Befürworter hingegen sehen darin eine Chance, Politik nahbarer und verständlicher zu machen.
„Politische Kommunikation muss dort stattfinden, wo die Menschen sind – und das ist heute nun einmal auch TikTok“, sagt Fuchs.

Gerade für junge Wählerinnen und Wähler, die klassische Medien seltener konsumieren, kann TikTok ein erster Berührungspunkt mit politischem Denken sein – auch wenn die Inhalte oft nur 30 Sekunden dauern.

Vor der Landtagswahl kaum Aktivität

Interessant ist laut Fuchs, dass sich vor Landtagswahlen, etwa in Sachsen-Anhalt, keine signifikante Zunahme politischer TikTok-Aktivität zeigt.
„Viele Parteien unterschätzen immer noch das Potenzial digitaler Kampagnen“, sagt Fuchs. Dabei könnten gezielte Formate gerade im Wahlkampf große Resonanz bei Erstwählern erzeugen.

TikTok verändert den politischen Diskurs

Fest steht: TikTok ist längst mehr als ein Jugend-Phänomen. Die Plattform prägt zunehmend den Ton und Stil politischer Kommunikation – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.
In den USA und Großbritannien nutzen Politikerinnen und Politiker TikTok bereits als zentrale Wahlkampfplattform, in Frankreich experimentiert Präsident Macron mit humorvollen Formaten.

Dass nun auch jeder zweite Bundestagsabgeordnete TikTok nutzt, zeigt: Der politische Diskurs wandert – von Talkshows und Pressekonferenzen hin zu Clips, Hashtags und Memes.

Fazit: Politik im 15-Sekunden-Takt

Die Hälfte des Bundestags filmt, schneidet und postet – und erreicht damit ein Publikum, das klassische Medien oft meidet. Doch die Herausforderung bleibt:
Wie lässt sich komplexe Politik in kurzen Clips vermitteln, ohne sie zu verzerren?

Martin Fuchs fasst es so zusammen:

„TikTok ist kein Ersatz für den Bundestag – aber es zeigt, wie sich Politik verändern muss, um gehört zu werden.“

Eines ist klar: Der Kampf um Aufmerksamkeit hat begonnen – und er findet längst nicht mehr im Plenarsaal, sondern im Feed statt.

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