Während der Krieg Israels gegen die Hamas im Gazastreifen weiter andauert, regt sich im eigenen Land zunehmender Widerstand – nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch innerhalb des Militärs. Tausende israelische Reservisten, darunter auch ehemalige Elite-Soldaten und hochrangige Kommandeure, fordern in offenen Briefen ein Ende der Kampfhandlungen.
Fokus auf Geisel-Rettung statt fortgesetztem Krieg
In mehreren Schreiben kritisieren die Unterzeichner, dass die Fortsetzung des Krieges nicht mehr den erklärten Zielen diene, sondern vielmehr das Leben der verbliebenen Geiseln in Gaza gefährde. Der erste offene Brief wurde Anfang April von 1.000 Reservisten der Luftwaffe unterzeichnet. Inzwischen gibt es mehr als 12.000 Unterschriften aus nahezu allen Teilen der Streitkräfte.
„Jeder Tag, der vergeht, gefährdet das Leben der Geiseln. Jeder Moment des Zögerns ist eine Schande.“, heißt es in einem der Briefe.
Ehemaliger Mossad-Chef: „Das Land verliert seinen Kompass“
Zu den prominenten Stimmen zählt Danny Yatom, Ex-Chef des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad. Er wirft Premier Benjamin Netanyahu vor, den Krieg aus eigenem politischem Interesse aufrechtzuerhalten:
„Nicht die Geiseln oder die Sicherheit des Landes stehen für ihn an erster Stelle, sondern seine persönliche Macht.“
Yatom betont, seine Kritik sei nicht parteipolitisch, sondern „national motiviert“. Er fürchtet, Israel „verliert seinen Weg“.
Reservisten verweigern Dienst – Armee in der Krise
Nach dem Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023 meldeten sich Hunderttausende Reservisten freiwillig zum Einsatz. Doch mittlerweile sollen laut Medienberichten nur noch 50 bis 60 Prozent der Eingezogenen tatsächlich erscheinen – ein dramatischer Rückgang für eine Armee, die stark auf Reservisten angewiesen ist.
Ein Infanterist namens „Yoav“ (Name geändert), der letzten Sommer in Gaza diente, will nicht mehr zurückkehren:
„Ich glaubte, etwas Gutes zu tun. Aber jetzt sehe ich das anders. Es geht nicht mehr um Hamas – es geht darum, unser Land zu verlieren.“
Moralisches Dilemma der Armee
Während die Regierung weiterhin behauptet, die israelische Armee sei die „moralischste Armee der Welt“, stellen Kritiker diese Selbstwahrnehmung zunehmend infrage – angesichts anhaltender Zerstörung, zivilen Opfern und internationaler Kritik.
Der pensionierte General Amiram Levin schrieb kürzlich in Haaretz, Soldaten sollten ernsthaft über Befehlsverweigerung nachdenken, um nicht in mögliche Kriegsverbrechen verwickelt zu werden.
Netanyahus Reaktion: Abwehr und Abwertung
Premier Netanyahu wies die Proteste als „propagandistische Lügen“ einer „kleinen, lauten Gruppe anachronistischer Pensionäre“ zurück. Doch Umfragen deuten darauf hin, dass die Forderung nach einem neuen Waffenstillstand und Geiselabkommen in der Bevölkerung breite Unterstützung findet.
Protest unter Druck – Polizei zieht Verbote zurück
Im April sorgte die israelische Polizei für Empörung, als sie kurzfristig das Zeigen von Bildern getöteter Kinder aus Gaza auf Demonstrationen verbieten wollte. Auch Begriffe wie „Völkermord“ und „ethnische Säuberung“ sollten untersagt werden. Nach lautem Protest ruderte die Polizei jedoch zurück.
Fazit:
Israels Regierung steht zunehmend unter Druck – von außen und von innen. Die Forderung zahlreicher Reservisten nach einem Kurswechsel und Fokus auf die Geiseln zeigt, wie tief die gesellschaftliche Spaltung inzwischen reicht. Während Netanyahu weiter auf militärische Stärke setzt, glauben immer mehr Israelis, dass ein dauerhafter Krieg Israel mehr kostet als nützt.
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