Während der internationale Blick auf die Eskalation zwischen Israel und dem Iran gerichtet ist, gerät der seit fast zwei Jahren andauernde Krieg im Gazastreifen zunehmend aus dem Fokus. Doch der Konflikt dort geht unvermindert weiter – mit täglich neuen Opfern, wachsender Not und einem drohenden humanitären Kollaps.
Israels Premierminister Benjamin Netanjahu sprach am Mittwoch von „enormen Errungenschaften“ im Kampf gegen das iranische Atomprogramm, kündigte aber an, weiterhin „nicht vom Gas zu gehen“. Ziel bleibe es, „die iranische Achse zu zerschlagen, die Hamas zu besiegen und alle Geiseln heimzubringen“. Israels Armeechef Ejal Samir bekräftigte, man richte nun den Fokus wieder auf Gaza.
US-Präsident Donald Trump zeigte sich optimistisch: Die US-Angriffe auf iranische Atomanlagen hätten „Fortschritte in Gaza“ möglich gemacht – eine Einschätzung, die vor Ort kaum geteilt wird.
Kämpfe und Katastrophe – Alltag in Gaza
Im Gazastreifen selbst reißen die Kämpfe nicht ab. Allein am Mittwoch wurden nach Angaben des israelischen Militärs ein Offizier und sechs Soldaten bei einem Sprengsatzanschlag in Khan Yunis getötet. Auch ein weiterer Soldat sei schwer verletzt worden. Premier Netanjahu sprach von einem „traurigen Tag für Israel“.
Gleichzeitig beklagt die palästinensische Seite zahlreiche Opfer: Bei Angriffen auf wartende Zivilisten an einer Hilfsgüterausgabe seien sechs Menschen getötet und 30 verletzt worden, so die Hamas. Weitere 14 Menschen seien bei Luftschlägen in anderen Teilen Gazas ums Leben gekommen. Unabhängige Bestätigungen dieser Angaben liegen nicht vor.
Geisel-Familien fordern Verhandlungen
Die israelische Zivilgesellschaft macht indes Druck auf die Regierung. Das Forum der Angehörigen der in Gaza festgehaltenen Geiseln forderte erneut direkte Verhandlungen: „Wer eine Waffenruhe mit dem Iran erreichen kann, kann auch Gaza befrieden“, hieß es in einer Erklärung.
Innerhalb der Regierungskoalition gibt es zunehmend kritische Töne. Mosche Gafni, Vorsitzender der ultraorthodoxen Degel Hatora, fragte öffentlich: „Ich verstehe bis heute nicht, wofür wir dort kämpfen.“ Man brauche einen Führungswechsel – am besten, so Gafni, „einen Trump, der klare Entscheidungen trifft.“
Hilfsorganisationen am Limit
Die humanitäre Lage in Gaza verschlechtert sich derweil dramatisch. UNICEF warnte vor dem Kollaps der Wasserversorgung: Nur noch 40 Prozent der Trinkwasseranlagen funktionieren. „Kinder werden verdursten“, hieß es in einem dramatischen Appell aus Genf.
Im Mai mussten über 5.000 Kinder unter fünf Jahren wegen akuter Mangelernährung behandelt werden – ein Anstieg um 50 Prozent im Vergleich zum Vormonat. Die medizinische Versorgung sei kaum mehr gewährleistet, sauberes Wasser kaum verfügbar, erklärte UNICEF-Regionaldirektor Edouard Beigbeder.
UNRWA vor dem Aus – neue Spannungen mit Israel
Auch die UNRWA, das Palästinenserhilfswerk der Vereinten Nationen, steht vor einem Wendepunkt. Direktor Philippe Lazzarini deutete erstmals eine mögliche Auflösung der Organisation an. „Wir sind am Ende unserer Kräfte“, sagte er gegenüber der Welt. Die UNO könne ihr Mandat nicht mehr erfüllen – „nicht wegen fehlender Hilfe, sondern wegen des feindlichen Umfelds“.
Lazzarini übte scharfe Kritik an dem neuen, von den USA unterstützten Hilfsgütersystem GHF, das von Israel etabliert wurde. Dieses agiere nach den Plänen der israelischen Armee, so der Vorwurf. Israel hingegen wirft der UNRWA vor, von der Hamas infiltriert zu sein.
Ein vergessener Krieg
Während der mediale Fokus auf den Iran und seine Atomanlagen gerichtet bleibt, tobt in Gaza ein Krieg, der immer mehr Zivilisten das Leben kostet und dessen humanitäre Folgen bereits heute ganze Generationen prägen. Doch ein Ende scheint weiterhin nicht in Sicht – weder politisch, noch militärisch.
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