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Interview: „Wenn Sie in einer WhatsApp-Gruppe Aktienempfehlungen bekommen – laufen Sie!“

CDD20 (CC0), Pixabay
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Nach der jüngsten Warnung der BaFin über betrügerische WhatsApp-Gruppen wie „VIP903-flatexDegiro“ oder „D102flatexDegiro Hochklassiger Salon“ herrscht bei vielen Anlegerinnen und Anlegern Verunsicherung. Wir haben mit Rechtsanwältin Kerstin Bontschev, Expertin für Bank- und Kapitalmarktrecht, gesprochen. Sie erklärt, was Betroffene jetzt tun können – und wie man sich künftig besser schützt.


Frage: Frau Bontschev, die BaFin warnt ausdrücklich vor WhatsApp-Gruppen, die sich als Kanäle des Brokers flatexDegiro ausgeben. Was steckt dahinter?

Kerstin Bontschev:
Es handelt sich ganz klar um einen Fall von Identitätsmissbrauch und Betrug. Die Täter geben sich als Mitarbeiter oder Partner eines bekannten Finanzdienstleisters aus, in diesem Fall flatexDegiro, und nutzen den guten Ruf des Unternehmens, um Vertrauen zu schaffen. Über WhatsApp-Gruppen werden dann vermeintlich exklusive Aktien- oder Krypto-Tipps verteilt, verbunden mit dem Angebot, über bestimmte Apps oder Handelsplattformen zu investieren. In Wahrheit führen diese Apps direkt zu illegalen Investmentplattformen, oft im Ausland, die keinerlei BaFin-Erlaubnis besitzen.


Frage: Woran können Verbraucher erkennen, dass es sich um einen Betrug handelt?

Kerstin Bontschev:
Es gibt mehrere Warnsignale.
Erstens: Kein seriöses Finanzinstitut wirbt über WhatsApp oder Telegram.
Zweitens: Wenn jemand in einer Gruppe aggressiv mit „schnellen Gewinnen“ oder „begrenztem Zugang“ wirbt, sollte sofort Alarmglocken schrillen.
Drittens: Fehlende Impressen und ausländische Kontoverbindungen sind ein klarer Hinweis. Und viertens: Wenn man zu Einzahlungen in Kryptowährungen gedrängt wird, um „Testgewinne“ auszahlen zu lassen, ist das ein klassisches Betrugsmuster.


Frage: Was können Betroffene tun, die bereits Geld eingezahlt haben?

Kerstin Bontschev:
Das Wichtigste ist: Schnell handeln!

  1. Sofort Zahlungen stoppen – weitere Überweisungen oder Kryptotransfers einstellen.

  2. Anzeige bei der Polizei erstatten, idealerweise mit allen Chatverläufen, Screenshots und Transaktionsbelegen.

  3. Die eigene Bank oder Kryptobörse informieren, um mögliche Rückbuchungen oder Sperrungen anzustoßen.

  4. Betroffene sollten sich außerdem an die Verbraucherzentrale oder eine auf Kapitalanlagerecht spezialisierte Kanzlei wenden, um zu prüfen, ob Schadensersatzansprüche gegen Dritte – z. B. Zahlungsdienstleister – möglich sind.


Frage: Viele Anleger fragen sich: Trifft flatexDegiro selbst irgendeine Schuld?

Kerstin Bontschev:
Nein, die flatexDegiro AG ist selbst Opfer eines Identitätsmissbrauchs. Das Unternehmen weist ausdrücklich darauf hin, dass es keine Produkte über WhatsApp-Gruppen vertreibt. Aber: Wenn ein bekannter Markenname missbraucht wird, wie hier, fällt es vielen schwer, zwischen echt und gefälscht zu unterscheiden. Daher ist Aufklärung durch die BaFin und die Medien so wichtig.


Frage: Welche rechtlichen Möglichkeiten gibt es, Geld zurückzuholen?

Kerstin Bontschev:
Leider sind die Chancen häufig begrenzt, weil die Täter im Ausland sitzen und das Geld über mehrere Konten oder Kryptobörsen weitergeleitet wird. Dennoch kann sich der Gang zum Anwalt lohnen:

  • Oft können Zahlungsdienstleister oder Banken in die Haftung genommen werden, wenn sie Zahlungen an offensichtlich betrügerische Plattformen ausgeführt haben.

  • Bei Krypto-Zahlungen kann man über spezialisierte Ermittlungsfirmen Transaktionsspuren verfolgen lassen.

  • Wichtig ist, dass Betroffene alle Belege und Chatverläufe sichern – sie sind essenziell für die Beweissicherung.


Frage: Wie können sich Verbraucher künftig schützen?

Kerstin Bontschev:

  • Keine Geldgeschäfte über Messenger-Dienste.

  • Nur über zertifizierte Plattformen handeln, die in der BaFin-Unternehmensdatenbank gelistet sind.

  • Im Zweifel direkt bei der BaFin oder beim genannten Unternehmen nachfragen, bevor man investiert.

  • Und ganz wichtig: Emotionen rausnehmen. Wer unter Druck gesetzt wird, „schnell zu investieren“, sollte sofort abbrechen.


Frage: Was raten Sie, wenn man unsicher ist, ob ein Angebot seriös ist?

Kerstin Bontschev:
Im Zweifel immer prüfen, ob die Firma eine BaFin-Lizenz hat. Das dauert zwei Minuten. Auf der Website der BaFin gibt es eine Unternehmensdatenbank. Wenn ein Name dort nicht auftaucht, ist das Angebot nicht legal. Und: Keine Angst, sich Rat zu holen – ein kurzer Anruf bei der Verbraucherzentrale oder einem Anwalt kann viel Geld sparen.


Frage: Ihr Fazit?

Kerstin Bontschev:
Diese WhatsApp-Gruppen sind hochprofessionell gemachter Betrug. Wer betroffen ist, sollte sich nicht schämen – es kann jeden treffen. Wichtig ist nur: Handeln, nicht hoffen. Je schneller man reagiert, desto größer ist die Chance, den Schaden zu begrenzen.

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