Ilia Malinin stand am Ende seiner Kür nicht im Triumph, sondern mit Tränen in den Augen auf dem Eis. In einer der überraschendsten Wendungen der olympischen Eiskunstlauf-Geschichte belegte der große Goldfavorit im Wettbewerb der Herren nur den achten Platz.
Ja, Rang acht.
Der „Quad God“, wie Malinin wegen seiner spektakulären Vierfachsprünge genannt wird, erlebte einen sportlichen Zusammenbruch, wie man ihn auf dieser Bühne nur selten sieht.
Ein sicher geglaubter Sieg – bis alles zerfiel
Der 21-jährige US-Amerikaner war mit einem komfortablen Vorsprung von fünf Punkten in die entscheidende Kür gegangen. Über Jahre hinweg hatte er den Männersport dominiert, vier US-Meistertitel in Folge gewonnen, zweimal Weltmeisterschaftsgold geholt und seit 2023 keinen Wettbewerb mehr verloren.
Er wirkte unantastbar.
Als dann auch noch mehrere direkte Konkurrenten in ihren Programmen patzten, schien der Weg zum Olympiasieg endgültig frei. Malinin hätte nur einige seiner berühmten Vierfachsprünge sicher stehen müssen – und Gold wäre ihm kaum noch zu nehmen gewesen.
Doch genau das gelang ihm nicht.
Gleich zu Beginn misslang sein spektakulärer Vierfach-Axel. Statt einer sauberen Landung wurde der Sprung unvollständig. Später verdoppelte er einen geplanten Vierfach-Loop, stürzte gleich zweimal bei weiteren Elementen. Aus Unsicherheit wurde Nervosität – aus Nervosität Kontrollverlust.
„Der Druck ist unreal“
Nach dem Wettkampf stellte sich Malinin ruhig und gefasst den Fragen der Medien.
„Der Druck bei Olympia holt dich ein“, sagte er. „Er ist unreal. Es war fast so, als hätte ich nicht mehr richtig wahrgenommen, wo ich im Programm gerade war. Normalerweise habe ich ein Gefühl für den Ablauf – diesmal ging alles so schnell vorbei. Ich hatte keine Zeit, irgendetwas anzupassen.“
Der Athlet, der die vergangenen vier Jahre wie kein anderer im Griff gehabt hatte, wirkte auf dem Eis plötzlich orientierungslos.
„Ich bin mit viel Selbstvertrauen in die Kür gegangen“, erklärte er weiter. „Ich habe mich wirklich gut gefühlt. Und dann ist es, als wäre alles zum Greifen nah – und plötzlich rutscht es dir durch die Hände.“
Zwischen Lockerheit und Anspannung
Vor Beginn der letzten Startgruppe hatte Malinin noch locker gewirkt. Beim Betreten der Eisfläche für das Aufwärmen deutete er scherzhaft einen Rückwärtssalto an und hob den Zeigefinger ins Publikum – als wollte er sagen: Noch nicht.
Doch danach musste er rund 40 Minuten warten, während die fünf direkt hinter ihm platzierten Läufer ihre Programme zeigten. Als er schließlich zur Kür aufs Eis kam, war die Lockerheit verschwunden. Sein Gesicht wirkte angespannt, fast besorgt.
Mit jedem Fehler schien die Kontrolle weiter zu entgleiten.
„Kurz bevor ich meine Anfangsposition eingenommen habe, kamen plötzlich all die Erinnerungen, Erfahrungen, Höhen und Tiefen meines Lebens hoch“, sagte er. „Es hat mich überwältigt. In diesem Moment wusste ich nicht, wie ich damit umgehen sollte.“
Vom Traum zum Albtraum
Malinin galt als selbstbewusst, manchmal fast provokant – jedoch stets mit einem jungenhaften Lächeln. Er hatte den wachsenden Erwartungsdruck nicht gescheut, sondern angenommen. Olympia war sein großes Ziel, sein erklärter Traum.
In Mailand wurde dieser Traum zum Albtraum.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, wie gnadenlos olympischer Druck selbst die Besten aus dem Gleichgewicht bringen kann. Und dass im Sport selbst scheinbar sichere Siege innerhalb weniger Minuten zerbrechen können.
Für Ilia Malinin endet diese Olympia-Nacht nicht mit Gold – sondern mit einer schmerzhaften Lektion über Erwartung, Druck und die Unberechenbarkeit des Sports.
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