Frisch aus einer langjährigen Beziehung hatte Madison Campbell eine Idee. Die 30-jährige Tech-CEO hatte Dating-Apps kaum genutzt. Das letzte Mal, sagt sie, sei im College gewesen – lange vor der Trennung im vergangenen Jahr.
Weil sie wenig Lust hatte, wieder in die Welt des Online-Datings einzusteigen, bat sie einen Freund – der auf X unter dem Namen „Murray Hill Guy“ bekannt ist –, für sie ein Profil bei Hinge zu erstellen und den Account zu „betreuen“. Hinge ist eine beliebte Dating-App.
Der Plan klang nach einer Win-win-Situation: Er könnte einen guten Match für sie finden und gleichzeitig erleben, wie es sich anfühlt, als Frau auf Hinge zu daten. Campbell erwartete nicht viel, war aber neugierig, was passieren würde.
„Was wir wirklich sehen wollten: Was passiert, wenn wir die App runterladen?“, sagt Campbell. „Wie wäre meine Erfahrung – selbst nur in den ersten 24 Stunden? Und was fühlen Männer aus ihrer Perspektive?“
1.500 bis 2.000 Likes in 48 Stunden
Was dann geschah, überraschte beide: Campbells Profil sammelte in 48 Stunden etwa 1.500 bis 2.000 Likes. Ihr Freund dokumentierte seine Erfahrungen als „Madison“ auf Hinge auf X – der Thread ging viral, erzielte Millionen Aufrufe und löste eine riesige Debatte darüber aus, wie unterschiedlich Männer und Frauen Online-Dating erleben.
Die Dating-Expertin Amy Chan, Autorin des Buches „Unsingle: How to Date Smarter and Create Love That Lasts“ (erscheint im April 2026), sagt: Ja, die Erfahrungen seien sehr verschieden – doch am Ende seien oft beide Seiten frustriert und unzufrieden.
„Für viele Männer ist es ein Wettbewerb, überhaupt ein Date zu bekommen“, sagt Chan. „Ständige Ablehnung oder Matches, die im Nichts verlaufen, ist zermürbend. Frauen hingegen werden mit Nachrichten bombardiert – oft mühelose Copy-and-Paste-Texte. Sie müssen richtig gut darin werden, sich zu schützen und Low-Effort-Leute oder Creeps herauszufiltern.“
Überforderung durch die Nachrichtenflut – und Langeweile durch Einheits-Texte
Auf X schrieb Campbells Freund, er sei überwältigt gewesen von der schieren Menge an Anfragen. Die Benachrichtigungen seien fast ununterbrochen gekommen. Oft habe er Männer sofort abweisen müssen, allein um überhaupt hinterherzukommen.
Viele kommentierten, das Experiment sei ein Augenöffner: „Du machst hier Gottes Arbeit“, schrieb eine Person. „Die meisten Männer verstehen nicht, wie es auf der anderen Seite ist.“
Auffällig war auch, wie eintönig viele Nachrichten waren – und dass manche Männer offenbar nicht einmal das Profil gelesen hatten. Campbell trinkt zum Beispiel keinen Alkohol (steht im Profil). Trotzdem luden sie viele zum Drink ein.
„Es ist immer so: ‚Hey, wann gehen wir was trinken?‘“, sagt Campbell. „Und du weißt, die haben das an 15 Leute gleichzeitig geschickt. Das gibt dir das Gefühl, du bist nichts.“
Gleichzeitig habe das Experiment ihr auch mehr Empathie für Männer gegeben: Warum sollte man sich für jede Person eine individuelle Nachricht ausdenken, wenn Dating-Apps in der Praxis oft ein „Zahlenspiel“ seien?
„Ich fühle irgendwie mit den Männern“, sagt sie. „Ist es ihre Schuld, dass sie so schreiben? Wahrscheinlich nicht. Sie denken vermutlich: ‚Warum sollte ich in eine Person viel Energie stecken, wenn sie 1.000 oder 2.000 Nachrichten bekommt?‘“
Was das über Dating-Apps verrät
Der Dating-Coach Blaine Anderson sagt, das Experiment bestätige viele Frustrationen:
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Männer werden häufig übersehen, weil sie in starker Konkurrenz stehen.
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Frauen werden überflutet – oft mit anzüglichen, seltsamen oder lieblosen Nachrichten.
Anderson zeigt Männern in ihrem Kurs deshalb eine Bildschirmaufnahme ihres früheren Tinder-Profils, um die Nachrichtenmenge sichtbar zu machen – für viele sei das schockierend.
Trotzdem seien Dating-Apps nicht zwangsläufig „hoffnungslos“. Männer müssten aber deutlich mehr in ihr Profil investieren, um herauszustechen.
Amy Chan rät außerdem, Dates nicht nur über Apps zu suchen. Sie empfiehlt mindestens drei „Zugangswege“: Apps können einer davon sein – die anderen sollten Orte sein, an denen man Menschen über Zeit kennenlernt, etwa Laufgruppen, Glaubensgemeinschaften oder Berufsverbände.
„Attraktivität in Apps wird stark von ‚glänzenden‘ Merkmalen bestimmt: Körpergröße, Statussignale, Aussehen, Lifestyle-Hinweise“, sagt Chan. „Die Apps sind so gebaut, dass wir Menschen wie in einem Katalog shoppen. Diese Eigenschaften sind sofort sichtbar und lassen sich im Swipe-Modus leicht vergleichen.“
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