Startseite Allgemeines „Ich schrie im Schlaf“: Alawitische Frauen in Syrien berichten von Entführungen und Vergewaltigungen
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„Ich schrie im Schlaf“: Alawitische Frauen in Syrien berichten von Entführungen und Vergewaltigungen

PIRO4D (CC0), Pixabay
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Warnhinweis: Der folgende Text enthält Schilderungen sexualisierter Gewalt und kann belastend sein.

An einem warmen Sommertag in der westsyirischen Provinz Latakia wollte Ramia mit ihrer Familie zu einem Picknick aufbrechen, als ein weißes Auto vorfuhr. Drei bewaffnete Männer stiegen aus, gaben sich als staatliche Sicherheitskräfte aus – und zerrten die Jugendliche ins Fahrzeug, erzählt sie dem BBC World Service. Ramia heißt in Wirklichkeit anders; ihr Name wurde zu ihrem Schutz geändert.

Im Wagen sei sie geschlagen worden. Als sie weinte und schrie, hätten die Männer noch härter zugeschlagen. Einer habe sie gefragt, ob sie Sunnitin oder Alawitin sei. „Als ich Alawitin sagte, begannen sie, die Glaubensrichtung zu beschimpfen“, berichtet Ramia.

Sie ist eine von Dutzenden Frauen, die seit dem Sturz von Baschar al-Assad im Dezember 2024 als verschwunden gemeldet wurden. Die Syrian Feminist Lobby (SFL) spricht von mehr als 80 gemeldeten Vermisstenfällen; 26 davon habe man als Entführungen verifizieren können. Fast alle Betroffenen sollen dem alawitischen Glauben angehören – einer Richtung des schiitischen Islam, zu der auch der gestürzte Präsident zählt und die etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausmacht.

Mehrere Frauen und Angehörige schilderten der BBC Details von Entführungen und sexueller Gewalt. Ihre Vorwürfe richten sich auch gegen das Vorgehen der Behörden: Alle berichten, der General Security Service – zuständig für Polizeiaufgaben unter der Übergangsregierung – habe nur unzureichend ermittelt. Eine Frau sagt, sie sei bei ihrer Anzeige sogar verspottet worden.

Das Innenministerium erklärte im November, man habe 42 mutmaßliche Entführungen untersucht und bis auf einen Fall als „falsch“ eingestuft. Auf Nachfrage wollte das Ministerium gegenüber der BBC nicht weiter Stellung nehmen. Ein Sicherheitsmitarbeiter sagte hingegen anonym, es habe Entführungen gegeben – auch unter Beteiligung einzelner Sicherheitskräfte, die demnach entlassen worden seien.

Die von der SFL dokumentierten Fälle reichen von Februar 2025 bis Anfang Dezember – also vor und nach den schweren konfessionellen Gewaltexzessen im März, bei denen in den Küstenregionen laut Berichten mehr als 1.400 Menschen starben, überwiegend alawitische Zivilisten. Regierungstreue Kräfte wurden damals beschuldigt, nach einem tödlichen Hinterhalt durch Assad-Anhänger Racheakte verübt zu haben.

Ramia berichtet, sie sei gezwungen worden, eine Ganzkörperverschleierung und Niqab zu tragen. Man habe sie in einem unterirdischen Raum festgehalten; dort habe es ein Bett, eine Kommode, Toilettenartikel – und ein Kondom gegeben. Zwei Tage lang sei sie eingesperrt gewesen. Sie habe einmal fliehen wollen und zweimal versucht, sich das Leben zu nehmen.

Eine andere Betroffene, Nesma, Mutter in ihren 30ern, erzählt, sie sei in einen Lieferwagen mit verhängten Fenstern gezerrt und sieben Tage festgehalten worden. Drei Männer hätten sie verhört – über ihr Dorf und mögliche Verbindungen zum alten Regime. Dann, so ihre Aussage, sei sie wiederholt vergewaltigt worden. Sie zitiert die Täter mit einer Formulierung, die extremistische Kreise benutzen, um Frauen als „Beute“ zu entmenschlichen.

Auch Angehörige weiterer junger Frauen berichten von Schlägen, Bedrohungen mit Waffen und täglichen Übergriffen. Eine Mutter sagt, ihre Tochter lebe seither in ständiger Angst, erschrecke bei jedem Geräusch und fürchte „das Klopfen an der Tür“. Ein Mann berichtet, der mutmaßliche Entführer seiner Frau sei zwar festgenommen worden – doch er wisse nicht, was danach geschah. Die Angst, dass Täter freikommen könnten, sitze tief.

Hinzu kommt der Druck des Schweigens: Viele Betroffene fürchten Vergeltung – und soziale Stigmatisierung. Ramia sagt, ihre Familie habe nach Drohanrufen das Land verlassen. „Ich schrie im Schlaf“, erzählt sie. Sie sei in Therapie, finde aber kaum Ruhe. Eine andere Mutter sagt, ihre Tochter gehe wieder zur Schule – „aber niemand um mich herum weiß, was passiert ist“.

Menschenrechtsorganisationen warnen vor einem Klima der Straflosigkeit. Amnesty International berichtete im Sommer von glaubwürdigen Hinweisen auf Entführungen alawitischer Frauen und Mädchen und kritisierte, Familien erhielten „keine sinnvollen Updates“ und kaum erkennbare Fortschritte bei Ermittlungen. Die Syrian Feminist Lobby spricht davon, dass weiterhin 16 Frauen vermisst werden – alle alawitisch.

Für die Betroffenen bleibt damit oft nur ein bitterer Spagat: das Erlebte nicht zu verleugnen – und trotzdem aus Angst vor Konsequenzen leise zu bleiben.

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