Startseite Allgemeines „Ich gehe, bevor man mich holt“ – Ein Vater verlässt freiwillig die USA, um seine Familie vor Schmerz zu bewahren
Allgemeines

„Ich gehe, bevor man mich holt“ – Ein Vater verlässt freiwillig die USA, um seine Familie vor Schmerz zu bewahren

Frank_Rietsch (CC0), Pixabay
Teilen

Es war ein Moment, den Sam Kangethe nie vergessen wird: Er saß auf einer Spielzeugkiste im Zimmer seiner fünfjährigen Tochter Ella, umgeben von Barbies, Puppenhäusern und Stofftieren. Es war das letzte Gespräch vor dem Abschied. Er erklärte ihr, dass er das Land verlassen müsse, dass er sie immer lieben werde – und dass sie sich eines Tages in Kenia wiedertreffen würden, um gemeinsam rosa Flamingos unter dem afrikanischen Himmel zu beobachten.

Am nächsten Morgen bestieg Kangethe ein Flugzeug nach Nairobi – und verließ nach 16 Jahren freiwillig die Vereinigten Staaten. Er war kein Krimineller. Kein Abschiebehäftling. Sondern ein Ehemann, Vater, Buchhalter – und ein Mensch, der jahrelang in der Schwebe lebte.

Er hat sich selbst abgeschoben, um der Angst zu entkommen.

Ein Leben in Unsicherheit

Sam Kangethe (39) kam 2009 mit einem Studentenvisum aus Kenia nach Michigan, um Rechnungswesen zu studieren. Er absolvierte mehrere Abschlüsse, arbeitete in der Privatwirtschaft und zuletzt als Buchhalter für die Regierung des Bundesstaates Michigan.

Privat baute er sich eine Familie auf: Er heiratete, wurde Stiefvater von zwei Kindern und Vater einer gemeinsamen Tochter, Ella. Doch seine Aufenthaltserlaubnis blieb provisorisch – nach einer misslungenen Green-Card-Verlängerung aufgrund eines früheren Eheverfahrens, das die Behörden als möglicherweise „betrügerisch“ einstuften, geriet er in rechtliche Unsicherheit.

„Ich lebte in ständiger Angst, dass ICE (US-Einwanderungsbehörde) plötzlich vor der Tür steht“, sagte Kangethe. „Ich wollte meine Kinder nicht erleben lassen, wie ihr Vater in Handschellen abgeführt wird.“

Abschied auf eigenen Wunsch

Im Frühjahr 2025 traf Kangethe die Entscheidung: Er würde die USA freiwillig verlassen, bevor ihn eine Abschiebung traf. Ein Schritt, der ihm die Kontrolle über seinen Abgang zurückgab – und seiner Familie Zeit ließ, sich zu verabschieden.

Im Sommer verbrachte er jede freie Minute mit seinen Kindern: Brettspiele, Strandtage, lange Gespräche und Umarmungen. Die zwölfjährige Hailey feierte ihren Geburtstag vor, damit ihr Vater dabei sein konnte. Als der Abschied kam, fuhr ein Freund ihn zum Flughafen – der letzte Blick auf seine Familie sollte zu Hause stattfinden, nicht im Terminal.

„Ich bin lieber gegangen, als dass man mich in Ketten zum Flieger bringt“, sagte Kangethe. „Ich wollte meine Würde behalten.“

Zurück in Kenia – mit offenen Fragen

In Nairobi wohnt Kangethe derzeit bei seiner Schwester und sucht eine neue Arbeit als Buchhalter. Seine Aufenthaltsbewilligung in den USA ist nach wie vor rechtlich ungeklärt, sein nächster Gerichtstermin findet im Januar 2026 statt – per Zoom. Er hat die Hoffnung nicht aufgegeben, eines Tages legal zurückzukehren, zumindest als Besucher.

„Ich habe mein Wort gehalten: Ich habe meinen Abschluss gemacht, wie ich es meinem Vater versprochen hatte. Und ich bin sicher nach Hause zurückgekehrt“, sagte er.

Zurückbleiben in Michigan: Die Familie ringt mit der Leere

In Michigan kämpft Kangethes Frau Latavia (35) mit dem Alltag. Sie ist jetzt alleinerziehend mit drei Kindern – einer davon, Dwight, ist im Förderprogramm für Kinder mit besonderem Bedarf. Die emotionale Belastung ist enorm.

„Unsere Tochter Ella hat sich stark verändert. Sie ist wütend, ängstlich und versteht nicht, warum ihr Papa plötzlich weg ist“, sagt Latavia. „Es bricht mir das Herz.“

Die Familie hat inzwischen eine Psychotherapie begonnen, um die Trennung zu verarbeiten. Eine GoFundMe-Kampagne soll helfen, die finanzielle Lücke zu schließen – ein Großteil der Ersparnisse ging für Anwälte drauf.


Symbol für viele andere

Kangethes Geschichte steht exemplarisch für eine wachsende Zahl von Migrant:innen, die unter dem zunehmenden Einwanderungsdruck der zweiten Trump-Regierung das Land verlassen. Nach Angaben des Pew Research Center schrumpfte die Zahl der ausländischen Bevölkerung in den USA in der ersten Hälfte des Jahres 2025 um über eine Million Menschen.

Präsident Trump hatte im Frühjahr das Programm „Project Homecoming“ gestartet, das Selbstabschiebungen mit kostenlosen Flügen und einer kleinen Geldprämie fördert. Kangethe nahm daran nicht teil – seine Entscheidung war unabhängig.

„Ich war ein guter Gast“

Trotz allem blickt Kangethe mit erhobenem Kopf auf seine Zeit in den USA zurück.

„Ich war 16 Jahre ein guter Gast. Ich habe gearbeitet, Steuern gezahlt, Kinder großgezogen“, sagt er. „Ich habe mich nicht gedrückt. Ich habe meine Verantwortung übernommen. Und jetzt war es an der Zeit zu gehen – in Würde.“

Ob er je zurückkehren kann, ist ungewiss. Doch sein Ziel ist klar:

„Ich habe meiner Tochter versprochen, dass wir Flamingos sehen werden. Und ich breche meine Versprechen nicht.“


Ein stiller Abschied. Ein lauter Hilferuf. Eine Geschichte, wie sie in vielen amerikanischen Haushalten erzählt werden könnte – nur hört sie kaum jemand.

Kommentar hinterlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Ähnliche Beiträge
Allgemeines

BaFin ordnet Abwicklung an: BioChar GmbH & Co. KG muss unerlaubtes Einlagengeschäft beenden

Die BioChar GmbH & Co. KG, ein auf Biokohleprodukte spezialisiertes Unternehmen mit...

Allgemeines

BaFin warnt: Unerlaubte Finanzgeschäfte bei Crypto Finanz, BioChar GmbH & Co. KG und über dubiose Handels-App – Anleger sollten dringend handeln

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) warnt erneut eindringlich vor mehreren Fällen unerlaubter...

Allgemeines

Wie sächsische Internetnutzer plötzlich das große Datenschutz-Los gezogen haben

  Glücksspiel war gestern – heute braucht es nur einen Facebook-Account und...

Allgemeines

Sächsische Jungpflanzen Genossenschaft eG-Insolvent

Amtsgericht Dresden – Insolvenzgericht Aktenzeichen: 533 IN 79/26 In dem Insolvenzeröffnungsverfahren über...