Sieben Spiele, sieben Siege? Hertha BSC wird mir langsam unheimlich – kann mir bitte jemand meinen alten Verein zurückgeben?
Ein launischer Kommentar eines völlig verunsicherten Hertha-Fans
Ich muss jetzt mal etwas loswerden. Und ich sage das wirklich mit großer Sorge: Was zum Teufel ist mit meiner Hertha passiert?
Sechs Siege zum Saisonauftakt. Tabellenführer. Und jetzt führen unsere Jungs im Olympiastadion gegen Greuther Fürth kurz vor Schluss auch noch mit 2:1.
Entschuldigung, aber das ist doch nicht normal!
Ich bin Hertha-Fan. Ich bin auf ganz andere Dinge vorbereitet. Auf unnötige Gegentore. Auf dramatische Schlussminuten. Auf Hoffnung, die einem kurz vor dem Abpfiff mit Anlauf in die Magengrube tritt.
Aber darauf, dass meine Mannschaft plötzlich ein Fußballspiel nach dem anderen gewinnt?
Dafür habe ich emotional überhaupt keine Ausrüstung.
Früher brauchte man als Hertha-Fan Nerven. Heute braucht man einen Taschenrechner.
Sechs Spiele, sechs Siege, 18 Punkte.
Das war schon vor dem Heimspiel gegen Fürth eine Bilanz, bei der ich vorsichtshalber den Tabellenrechner neu gestartet habe.
Vielleicht ein technischer Fehler.
Vielleicht hat jemand Hertha mit Bayern München verwechselt.
Oder die Tabelle wurde versehentlich auf den Kopf gestellt.
Aber nein.
Da steht tatsächlich Hertha BSC auf Platz eins.
Und dann kommt Fürth ins Olympiastadion, spielt ordentlich mit, hat sogar gute Chancen und lässt mich endlich wieder dieses vertraute Gefühl erleben:
Aha! Jetzt kommt sie wieder, unsere Hertha!
Bei der Gelegenheit möchte ich mich ausdrücklich bei den Fürthern bedanken.
Die haben in der ersten halben Stunde wirklich alles versucht, damit ich mich wieder wie ein normaler Hertha-Fan fühlen durfte.
Nach acht Minuten muss Gersbeck gegen Sillah retten.
Später bekommt Sillah eine Riesenchance.
Auch Appelkamp darf gefährlich werden.
Und ich sitze auf meinem Sofa und denke erleichtert:
Na bitte. Es geht doch noch. Endlich wieder Puls 180.
Dann kommt der VAR – und offenbar hat inzwischen sogar der Hertha lieb
Besonders schön wurde es in der 62. Minute.
Fürth trifft!
Sillah schiebt den Ball ins Netz.
Ich springe auf und rufe: „DA! ICH HAB’S DOCH GEWUSST!“
Meine Familie schaut mich etwas irritiert an.
„Warum freust du dich denn über ein Gegentor?“
„Ich freue mich nicht! Ich bin nur froh, dass die Welt noch in Ordnung ist!“
Doch dann meldet sich der Videoschiedsrichter.
Abseits.
Tor zählt nicht.
Ich bin sprachlos.
Früher hätte ich bei solchen Situationen schwören können, dass irgendwo noch ein Herthaner mit der Fußspitze das Abseits aufhebt.
Heute wird das Gegentor einfach aberkannt.
Nicht mal auf den VAR ist mehr Verlass, wenn man sich gepflegt über Hertha aufregen will.
Mads Pedersen! Seit wann machen unsere Außenverteidiger solche Tore?
Drei Minuten später passiert etwas, das ich noch immer verarbeite.
Hertha kombiniert.
Nicht irgendwie.
Nein, richtig schön!
Nilsson, Sessa, Brekalo – und dann taucht Mads Pedersen auf.
Unser Außenverteidiger.
Der Mann, von dem ich eigentlich erwarte, dass er die linke Seite beackert, Zweikämpfe führt und gelegentlich eine brauchbare Flanke schlägt.
Was macht er?
Er schießt mit dem Außenrist ein wunderschönes Tor in die lange Ecke.
1:0!
Außenrist!
Ins lange Eck!
Ich habe sofort überprüft, ob ich versehentlich eine alte Champions-League-Zusammenfassung eingeschaltet hatte.
Aber nein.
Es war tatsächlich Hertha.
Unsere Hertha.
Die Mannschaft, bei der früher schon ein sauberer Doppelpass gelegentlich Anlass für stehende Ovationen war.
Und plötzlich spielen die da Kombinationen, als hätten sie sich vorher ernsthaft miteinander beschäftigt.
Paul Seguin – warum schießt bei uns eigentlich jeder aus 23 Metern?
Die 80. Minute setzt dem Ganzen die Krone auf.
Paul Seguin bekommt den Ball.
Er läuft.
Er schaut.
Er schießt.
Aus 23 Metern!
Und das Ding landet unten links im Eck.
2:0.
Wunderbar.
Unfassbar.
Und schon wieder ein Distanztreffer.
Laut Liveticker bereits Herthas siebtes Weitschusstor der Saison!
SIEBEN!
Ich möchte daran erinnern, dass es Hertha-Spielzeiten gab, in denen ich froh gewesen wäre, wenn wir siebenmal im Jahr aus der Distanz wenigstens das Stadiondach getroffen hätten.
Heute hält jeder zweite Berliner offenbar den Fuß hin, und der Ball schlägt irgendwo unhaltbar ein.
Wenn das so weitergeht, trifft demnächst Gersbeck mit einem Abschlag aus dem eigenen Strafraum.
Und Stefan Leitl erklärt anschließend völlig trocken, das sei genauso trainiert worden.
Stefan Leitl, was haben Sie bitte mit meiner Hertha angestellt?
Überhaupt dieser Stefan Leitl.
Der steht an der Seitenlinie und tut so, als sei das alles vollkommen normal.
Seine Mannschaft gewinnt.
Sie steht ganz oben.
Sie steckt schwierige Spielphasen weg.
Und wenn ein Gegner einmal gefährlich wird, reagieren die Berliner plötzlich mit Fußball statt mit kollektiver Verzweiflung.
Das ist für langjährige Anhänger eine völlig neue Erfahrung.
Früher hätte ich nach einem Fürther Abseitstor erst einmal zehn Minuten darauf gewartet, dass unsere Mannschaft auseinanderfällt.
Heute schießt Pedersen drei Minuten später die Führung.
Ich sage es, wie es ist:
Diese Mannschaft zeigt ein Verhalten, das mit dem traditionellen Hertha-Fan-Erlebnis nur noch entfernt verwandt ist.
Das Schlimmste: Ich ertappe mich bei verbotenen Gedanken
Neulich habe ich etwas getan, wofür ich mich beinahe schäme.
Ich habe mir die Tabelle angeschaut.
Und dann habe ich nicht wie sonst gerechnet, wie viele Punkte wir noch bis zum Klassenerhalt brauchen.
Nein.
Ich habe nach oben geschaut.
Also wirklich nach oben.
In Richtung Bundesliga.
Und ich habe gedacht:
„Wenn die so weitermachen …“
Ich habe den Satz nicht beendet.
Man muss als Hertha-Fan schließlich verantwortungsvoll mit solchen Gedanken umgehen.
Wer einmal erlebt hat, wie schnell in Berlin aus Aufbruchstimmung eine Krisensitzung werden kann, spricht das Wort mit A besser nur unter ärztlicher Aufsicht aus.
Aber es ist schon passiert.
Der Gedanke ist da.
Und mit jedem Sieg wird er lauter.
Mein Berliner Nachbar fragt schon, ob ich krank bin
Normalerweise erkennt meine Familie am Geräuschpegel, wie Hertha gespielt hat.
Bei einer Niederlage spreche ich drei Stunden lang über Zweikampfverhalten, Chancenverwertung und die große Ungerechtigkeit des Fußballs.
Bei einem Unentschieden sage ich mindestens zwölfmal: „Da war mehr drin.“
Aber neuerdings?
Neuerdings sitze ich zufrieden da.
Ich lächle.
Ich summe vielleicht sogar ein bisschen.
Mein Nachbar hat mich gefragt, ob alles in Ordnung sei.
„Du hast dich seit Wochen nicht mehr über Hertha beschwert.“
Ich antwortete:
„Ich weiß. Es ist ernst.“
Er empfahl mir, einen Arzt aufzusuchen.
Wahrscheinlich hat er recht.
Und jetzt? Bitte bloß nicht übermütig werden!
Natürlich weiß ich, dass die Saison noch lang ist.
Natürlich werden wir auch wieder Spiele verlieren.
Natürlich wird es Tage geben, an denen nicht jeder Weitschuss im Winkel landet und nicht jede Abseitsentscheidung zu unseren Gunsten ausfällt.
Das weiß ich alles.
Ich bin schließlich Hertha-Fan und kein Berufsoptimist.
Aber darf ich trotzdem ganz vorsichtig sagen, dass diese Mannschaft im Moment richtig Spaß macht?
Dass Brekalo als Kapitän Verantwortung übernimmt?
Dass Seguin im Mittelfeld nicht nur arbeitet, sondern auch trifft?
Dass Pedersen plötzlich Kunstwerke mit dem Außenrist produziert?
Dass Gersbeck wichtige Bälle hält?
Und dass unsere Hertha offenbar gelernt hat, auch dann zuzuschlagen, wenn es vorher nicht nach einem gemütlichen Nachmittag aussah?
Ja, das darf ich.
Allerdings nur leise.
Sonst hört es jemand und verflucht uns.
Mein Fazit: Hertha, hör auf damit! Oder mach bitte genauso weiter!
Sechs Siege aus sechs Spielen waren schon verdächtig.
Wenn jetzt auch gegen Fürth aus der späten 2:0-Führung der siebte Sieg wird, muss ich mich endgültig mit einer ungewohnten Realität auseinandersetzen.
Meine Hertha ist Tabellenführer.
Meine Hertha spielt guten Fußball.
Meine Hertha gewinnt sogar Spiele, in denen der Gegner zeitweise gefährlich ist.
Und ich weiß überhaupt nicht mehr, wohin mit meiner schönen, jahrelang gepflegten Skepsis.
Vielleicht muss ich mir ein neues Hobby suchen.
Briefmarken sammeln.
Angeln.
Oder einfach einmal am Sonntag entspannt Fußball schauen.
Obwohl …
Nein.
Entspannt Fußball schauen als Hertha-Fan?
Jetzt wollen wir mal nicht völlig unrealistisch werden.
Liebe Hertha, ihr werdet mir langsam unheimlich. Aber eines muss ich euch sagen: Wenn das der neue Wahnsinn ist, dann macht bitte weiter so!
Und sollte am Ende tatsächlich der Aufstieg stehen, verspreche ich feierlich, mich mindestens 24 Stunden lang über gar nichts zu beschweren.
Gut.
Vielleicht zwölf.
Ha, Ho, He – Hertha BSC!
Ein Kommentar aus dem Herzen eines leidgeprüften, aber gerade ziemlich glücklichen Hertha-Fans – für diebewertung.de
Kommentar hinterlassen