Während sich die Frist für die Umsetzung neuer Handelsabkommen dem Ende zuneigt, steckt die US-Regierung unter Präsident Donald Trump in erheblichen Schwierigkeiten: Von den dutzenden angekündigten Handelsverträgen sind bislang nur zwei unterzeichnet worden – und das nur zehn Tage vor Ablauf der 90-tägigen „Liberation Day“-Zollpause am 9. Juli.
Die Uhr tickt, und die erhoffte Stabilität durch neue Abkommen bleibt aus. Die wirtschaftlichen Unsicherheiten nehmen zu, während gleichzeitig erste Anzeichen einer konjunkturellen Abkühlung sichtbar werden.
Große Ankündigungen, wenig Substanz
Trump selbst hatte noch im April vollmundig erklärt, er habe „200 Handelsdeals abgeschlossen“. Inzwischen räumt selbst das Weiße Haus ein, dass ein Abschluss mit allen Ländern kaum realistisch sei. Stattdessen soll demnächst eine Art „Zollbescheid“ an Länder versandt werden, die kein Abkommen erzielen konnten – mit dem Hinweis, was sie künftig für den Zugang zum US-Markt zu zahlen haben.
Bereits im April und Mai hatte Trump derartige Zollmaßnahmen angekündigt – jeweils ohne konkrete Umsetzung. Nun will seine Regierung offenbar vollendete Tatsachen schaffen, selbst wenn viele Länder sich noch in Verhandlungen befinden.
Wirtschaft in der Schwebe – mit abnehmender Geduld
Die US-Wirtschaft hätte laut Experten gerade jetzt dringend stabile Handelsbedingungen nötig. Während sich der Aktienmarkt auf Rekordniveau befindet und das Konsumklima sich leicht erholt hat, sind erste Belastungszeichen erkennbar: Die Konsumausgaben gingen im Mai überraschend zurück, die Inflationsrate steigt wieder leicht, das Beschäftigungswachstum flacht ab – und auch der Einzelhandel schwächelt.
„Die Verbraucher sorgen sich, wie sich zollbedingte Preiserhöhungen auf ihre Kaufkraft auswirken werden“, warnt James Knightley, Chefökonom von ING USA. Auch die Immobilienpreise geraten zunehmend unter Druck.
Gefahr der Retorsion
Ein weiteres Risiko: Sollte Trump seine Zollpolitik weiter verschärfen, droht eine Welle von Gegenmaßnahmen durch Handelspartner. Erst am Freitag kündigte Trump an, die Verhandlungen mit Kanada wegen der Digitalsteuer abzubrechen und neue Zölle gegen das Nachbarland zu verhängen.
Ökonomen warnen: Handelskonflikte könnten das Wirtschaftswachstum belasten und langfristig auch die US-Staatsfinanzen schwächen. „Retorsionen der Handelspartner könnten bleibende Schäden für die US-Wirtschaft hinterlassen“, meint Michel Nies, Volkswirt bei Citi.
Fazit: Gute Stimmung – aber bröckelnde Substanz
Auch wenn Umfragen eine leichte Stimmungsaufhellung der Konsumenten erkennen lassen, sprechen harte Wirtschaftsdaten eine andere Sprache. Die Unsicherheit durch Trumps erratische Handelspolitik ist groß. Je länger sich die Handelsabkommen verzögern, desto stärker dürfte sich diese Unsicherheit in wirtschaftliche Realität verwandeln – mit potenziell gravierenden Folgen für Wachstum, Preise und Beschäftigung.
Kommentar hinterlassen