Gebets- und Meditation-Apps wie Hallow erleben einen Rekordboom. Vor allem junge Nutzerinnen und Nutzer finden dort spirituelle Routinen, Bibeltexte und digitale Challenges, oft angepriesen durch Prominente und Social-Media-Influencer. Doch hinter der ansprechenden Oberfläche steckt ein System, das Theologen, Ethiker und Datenschützer zunehmend kritisch sehen.
Millionen User – aber kaum theologische Kontrolle
Apps wie Hallow orientieren sich an Plattformlogiken: Gamification, tägliche Streaks, Belohnungsmechanismen, Push-Benachrichtigungen. Was als spirituelle Unterstützung startet, kann so leicht zu einer religiösen Dauerbeschallung werden – ohne die Möglichkeit einer qualifizierten Begleitung.
Sozialethikerin Linda Kreuzer betont: „Hier wird ein bestimmtes Christentumsbild vermittelt, oft von Personen ohne jede theologische Ausbildung. Eine fachliche Kontrolle fehlt völlig.“
Besonders problematisch: Viele Inhalte haben missionierenden Charakter. Wer die App nutzt, weiß oft nicht, wer hinter den Inhalten steht oder aus welchem geistlichen Kontext sie stammen. Dass Investoren wie US-Vizepräsident J.D. Vance oder Tech-Milliardär Peter Thiel beteiligt sind – beide aus konservativen christlichen Kreisen – unterstreicht für Experten eine ideologische Dimension.
Digitalisierung der Spiritualität – ein Markt, kein Kloster
Während Klöster traditionell Orte der Stille, Reflexion und Begleitung sind, funktionieren Gebets-Apps wie digitale Fitnessstudios: regelmäßig nutzen, Fortschritte messen, Inhalte konsumieren.
Das Geschäftsmodell basiert auf wiederkehrenden Abonnements – nicht auf Seelsorge. Die „Verkirchlichung der App“ durch Beiträge österreichischer Ordensgemeinschaften ändert daran wenig. Theologen warnen: Spirituelle Praxis in Abo-Form ist anfällig für Verkürzung, Kommerzialisierung und Vereinfachung komplexer Glaubensinhalte.
Daten: Das eigentliche Risiko
Besonders brisant ist der digitale Unterbau solcher Apps.
Professor Johannes Hoff erklärt: „KI-Tools und Tracking-Cookies können aus Klickverhalten Persönlichkeitsprofile erstellen, oft präziser als der Nutzer sich selbst einschätzt.“
Gebetsverhalten ist hochsensibel:
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Gebetszeiten lassen Rückschlüsse auf psychische Verfassung zu
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Suche nach „Trostrede“, „Krise“, „Sünde“, „Vergebung“ kann persönliche Belastungen verraten
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Inhalte zum eigenen Leben, zu Beziehungen oder inneren Konflikten können erfasst werden
Viele Nutzer unterschätzen, dass Daten aus solchen Apps verkauft oder mit Werbenetzwerken verknüpft werden können – ein Geschäftsmodell, das man eher von TikTok oder Facebook kennt als aus dem kirchlichen Umfeld.
Spirituelle Verwundbarkeit trifft algorithmische Manipulation
Hoff warnt besonders vor einem Punkt: Spirituell suchende Menschen befinden sich häufig in verletzlichen Situationen. KI-gestützte Systeme erkennen emotionale Muster schneller, als Nutzer selbst sie benennen könnten.
Damit wächst das Risiko subtiler Lenkung – etwa durch Angebote, Inhalte oder politische Botschaften, die zielgerichtet ausgespielt werden können.
Fehlende Transparenz und theologische Scheinobjektivität
Viele Nutzer gehen davon aus, dass die Inhalte kirchlich geprüft oder von religiösen Autoritäten verantwortet sind. Doch weder Datenschutzstandards noch theologische Qualitätskriterien sind vergleichbar mit klassischen kirchlichen Strukturen.
Die fehlende Transparenz darüber, wer Inhalte erstellt, wem die App gehört und welche Daten verarbeitet werden, macht Gebets-Apps zu einem hochriskanten Feld zwischen Religion und Tech-Industrie.
Fazit: Spiritueller Nutzen ja – aber nur mit offenen Augen
Gebets-Apps können ein Werkzeug für Alltagsspiritualität sein. Doch Expertinnen und Experten mahnen:
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Keine blinde Nutzung
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Keine Offenlegung persönlicher Probleme
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Cookies und Tracking, wenn möglich, deaktivieren
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Nur datensichere Anbieter nutzen
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Apps nicht als Ersatz für echte Seelsorge verstehen
Digitale Spiritualität kann bereichern – aber sie braucht Transparenz, Datenschutz und theologische Sorgfalt, um Menschen nicht zu manipulieren, sondern zu begleiten.
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