Ein dramatischer Vorfall auf einem Kreuzfahrtschiff der Disney Cruise Line endete dank moderner Technik glimpflich: Ein fünfjähriges Mädchen stürzte im Juni 2025 von Deck 4 der Disney Dream ins Meer – ihr Vater sprang sofort hinterher. Beide wurden innerhalb von 20 Minuten gerettet. Die Geschichte wirft jedoch Fragen zur Zuverlässigkeit von Überbord-Erkennungssystemen auf.
Laut einem Bericht des Sheriffbüros von Broward County ereignete sich der Vorfall am 29. Juni um 11:29 Uhr. Das Mädchen verlor offenbar das Gleichgewicht und fiel rückwärts durch ein Bullauge rund 15 Meter tief ins Wasser. Erst als der Vater direkt danach ins Meer sprang, wurde das Überbord-System aktiviert – eine Minute später.
Technik erkennt kleine Körper nicht immer
Disney-Schiffe sind mit sogenannten Man Overboard (MOB)-Systemen ausgestattet. Diese sollen automatisch Alarm schlagen, wenn Personen über Bord gehen. Doch in diesem Fall wurde das System laut Behördenangaben erst durch den Sprung des Vaters ausgelöst – offenbar war der Körperbau des Kindes zu klein, um von den Sensoren erkannt zu werden.
Eine Minute nach dem Alarm wurde die gesamte Crew informiert, um 11:49 Uhr zogen Rettungskräfte Vater und Tochter aus dem Wasser. Beide blieben unverletzt.
Disney Cruise Line lobte in einer Stellungnahme gegenüber USA TODAY das schnelle Handeln der Crew: „Wir sind stolz auf die herausragenden Fähigkeiten und die schnelle Reaktion unserer Crew, die eine sichere Rückkehr beider Gäste innerhalb weniger Minuten ermöglicht hat.“ Angaben zur verwendeten Technik oder zum genauen Systemtyp machte die Reederei nicht.
Gesetzliche Regelung seit 2010 – aber keine Zertifizierungspflicht
Seit dem Inkrafttreten des Cruise Vessel Security and Safety Act (CVSSA) im Jahr 2010 sind Kreuzfahrtschiffe, die in den USA verkehren, verpflichtet, über Technologien zur Erkennung oder Bildaufnahme bei Überbord-Fällen zu verfügen – sofern solche Systeme verfügbar sind.
Allerdings gibt es bis heute keine standardisierte ISO-Zertifizierung für solche Systeme, die die Erkennung von kleineren Personen garantiert. Die Firma MARSS etwa, Hersteller des Systems „MOBtronic“, erklärte gegenüber USA TODAY, man habe kürzlich die dritte Testphase gemäß ISO-Norm 21195 abgeschlossen – die endgültige Zertifizierung stehe jedoch noch aus. Die Norm bezieht sich zudem explizit auf „Erkennung von erwachsenengroßen Zielen“.
Nur ein Bruchteil der Schiffe mit modernen Erkennungssystemen ausgestattet
Der internationale Kreuzfahrtverband CLIA macht keine Angaben dazu, wie viele Schiffe tatsächlich mit MOB-Systemen ausgestattet sind. Auch viele Reedereien geben dies aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich bekannt. MARSS zufolge seien drei der elf Kreuzfahrtschiffe, die 2025 in Betrieb genommen wurden, mit MOBtronic-Systemen ausgerüstet.
Von 2009 bis 2019 wurden weltweit 212 Überbord-Fälle auf Kreuzfahrtschiffen registriert – davon konnten nur 48 Personen lebend gerettet werden. Trotz eines Passagierwachstums von 68 % sank die Rate solcher Vorfälle laut CLIA um 35 %. Die Organisation betont: „Überbord-Fälle sind extrem selten. Die Sicherheit von Gästen und Crew hat für die Branche höchste Priorität.“
Hohe Reling – und meist kein Zufall
Der ehemalige Sicherheitsexperte der CLIA, Brian Salerno, wies bereits 2023 darauf hin: „Menschen fallen nicht einfach über Bord. Die Reling ist hoch. In den meisten Fällen handelt es sich um absichtliche Handlungen.“
Kommentar hinterlassen