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Flüche, Beschimpfungen und Politik: Wenn der Ton in Amerika kippt

OpenClipart-Vectors (CC0), Pixabay
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Der politische Diskurs in den USA ist rauer geworden – oder, wie manche sagen würden, schlicht hemmungsloser. Inzwischen fällt im Weißen Haus ebenso selbstverständlich das F-Wort wie auf Wahlkampfveranstaltungen oder in den sozialen Medien. Was einst hinter verschlossenen Türen gesagt wurde, ist heute Teil der öffentlichen Inszenierung.

Dabei ist scharfe Rhetorik in den Vereinigten Staaten keineswegs neu. Schon im 19. Jahrhundert erschoss Vizepräsident Aaron Burr seinen politischen Rivalen Alexander Hamilton in einem Duell. 1856 prügelte ein Abgeordneter im Senat einen politischen Gegner bewusstlos. Doch Experten warnen: Heute verbreiten sich Hass und Beschimpfungen schneller – und treffen auf eine Gesellschaft, in der Waffen leicht verfügbar sind.

„Politische Gewalt und hitzige Rhetorik begleiten unsere Geschichte seit jeher“, sagte die frühere Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords, die 2011 bei einem Attentat schwer verletzt wurde. „Aber wir befinden uns an einem besonders gefährlichen Punkt: Extreme Sprache kann Menschen online radikalisieren, und gefährliche Waffen sind zugänglicher als je zuvor.“

Der Präsident flucht – und andere ziehen nach

Präsident Donald Trump ist für seine derbe Sprache bekannt. Ob in Haushaltsverhandlungen („F—t nicht mit Medicaid herum“), bei internationalen Konflikten („Die wissen nicht, was zur Hölle sie tun“) oder gegenüber politischen Gegnern – vulgäre Ausdrücke gehören zu seinem öffentlichen Auftreten.

Trump selbst behauptete einmal, seine Rivalen verstünden nicht einmal richtig zu fluchen. Man könne das F-Wort nicht siebenmal in einem Satz verwenden – das funktioniere nicht.

Doch die verbale Verrohung ist kein parteipolitisches Phänomen. Auch demokratische Politiker griffen zuletzt zu drastischen Formulierungen. Der demokratische Minderheitsführer im Repräsentantenhaus, Hakeem Jeffries, veröffentlichte einen Social-Media-Beitrag mit der Formulierung „F— Donald Trump“. Senator Chuck Schumer nannte die Regierung „voller Unsinn“ und Trump einen „totalen Idioten“. Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom reagierte auf einen politischen Gegner mit „Go f— yourself“.

Selbst international ist der Ton rauer geworden. Ein dänischer EU-Abgeordneter rief Trump im Streit um Grönland öffentlich zu, er solle sich „verziehen“.

Der frühere Gouverneur von Indiana, Mitch Daniels, sieht darin ein Problem: Politik sei zwar ein „Vollkontaktsport“, doch wer führen wolle, müsse Selbstbeherrschung zeigen. „Stellen Sie sich jemanden vor, der sagt: Genug“, so Daniels. Realistisch sei das allerdings kaum.

Vom Hinterzimmer ins Rampenlicht

Frühere Präsidenten waren ebenfalls nicht zimperlich – allerdings meist privat. Tonbandaufnahmen zeigen, dass Richard Nixon im Weißen Haus regelmäßig fluchte. Joe Biden wurde 2010 bei einem „Hot-Mic“-Moment mit einem vulgären Kommentar über Obamacare erwischt.

Heute hingegen finden solche Ausdrücke in Echtzeit ihren Weg in soziale Netzwerke und Nachrichtensendungen. Was früher ein Ausrutscher war, ist inzwischen Teil der politischen Inszenierung.

Doch nicht nur Schimpfwörter tragen zur Eskalation bei. Auch nonverbale Provokationen sorgen für Aufsehen: Zwischenrufe im Kongress, hochgehaltene Protestschilder oder demonstratives Kopfschütteln von Richtern während Reden des Präsidenten sind zum Alltag geworden.

Ein besonders hitziges Beispiel war eine Anhörung mit Justizministerin Pam Bondi im Februar 2025. Zwischen ihr und Abgeordneten fielen offene Beleidigungen – eine Szene, die Beobachter als „Alarmsignal“ für einen dysfunktionalen Kongress bezeichneten.

Worte – und ihre Folgen

Während der Ton schärfer wird, steigen auch die Bedrohungen. Laut der Capitol Police wurden 2025 fast 15.000 Drohungen gegen Kongressmitglieder registriert – ein neuer Höchststand. Auch Richter berichten von zunehmenden Bedrohungen.

Gewaltsame Ausbrüche wie der Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 oder jüngste politische Attentate verstärken die Sorge, dass aggressive Rhetorik reale Konsequenzen haben kann.

Historiker Allan Lichtman warnt jedoch vor vorschnellen Vergleichen. Amerika habe immer wieder Phasen extremer Polarisierung erlebt – etwa vor dem Bürgerkrieg oder während der Bürgerrechtsbewegung. „Trump ist eher das Ergebnis langer Entwicklungen als eine historische Ausnahme“, sagt Lichtman.

Ein Land zwischen Ideal und Realität

Ein besonders emotionales Thema bleibt die Einwanderung. Seit Jahrhunderten ist sie Brennpunkt politischer Auseinandersetzungen – oft begleitet von fremdenfeindlicher Sprache. Trump machte Grenzsicherung und Massenabschiebungen zu zentralen Themen seiner Politik. Seine Wortwahl gegenüber Migranten sorgte wiederholt für Empörung.

Doch auch frühere Gesetze wie der Chinese Exclusion Act von 1882 oder das restriktive Einwanderungsgesetz von 1924 zeigen: Harte Rhetorik und strikte Politik haben historische Wurzeln.

Gibt es einen Weg zurück?

Experten sind uneins, wie sich die Spirale aus Polarisierung und Beschimpfungen durchbrechen lässt. Manche glauben, wirtschaftliche Stabilität könne Spannungen abbauen. Andere sehen in einer erneuerten politischen Kultur den Schlüssel.

Der ehemalige Präsident Barack Obama appellierte jüngst an „Anstand, Höflichkeit und Freundlichkeit“ – Werte, an die die meisten Menschen weiterhin glaubten, auch wenn in sozialen Medien oft das Gegenteil dominierend erscheine.

„Wenn wir es nicht einmal schaffen, am Familientisch respektvoll miteinander zu sprechen“, sagt Politikwissenschaftler Jeremy Mayer, „wie soll dann der Kongress besser sein als wir?“

Fest steht: Scharfe Worte haben in der amerikanischen Politik Tradition. Doch in einer Zeit, in der sich Botschaften in Sekunden millionenfach verbreiten – und Waffen leicht verfügbar sind –, wirken sie gefährlicher als je zuvor.

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