Nach dem tödlichen Angriff auf die südiranische Stadt Lamerd wachsen die Zweifel an der Darstellung der USA. Mehrere unabhängige Waffenexperten widersprechen der Behauptung des US-Militärs, bei dem Einschlag könne es sich um eine iranische Rakete gehandelt haben.
Nach Angaben iranischer Behörden wurden bei dem Angriff am ersten Tag des Krieges 21 Menschen getötet, darunter vier Kinder.
Sechs Experten stellen US-Version infrage
Wie BBC Verify berichtet, haben sechs Waffenexperten, die unabhängig voneinander Videoaufnahmen des Angriffs ausgewertet haben, die US-Darstellung zurückgewiesen. Sie verweisen dabei auf mehrere Punkte:
- das sichtbare Erscheinungsbild des Flugkörpers,
- die Art der Explosion,
- die Flugbahn,
- sowie die Tatsache, dass es mehrere Einschläge im selben Gebiet gab.
Nach Einschätzung der Experten sprechen diese Merkmale nicht für eine iranische Rakete, sondern eher für einen US-amerikanischen Precision Strike Missile (PrSM).
US-Militär weist Verantwortung zurück
Das US-Zentralkommando Centcom hatte am 31. März erklärt, die Vorwürfe seien falsch. In einer Stellungnahme hieß es, US-Streitkräfte hätten weder Lamerd noch ein Gebiet im Umkreis von 30 Meilen am ersten Tag der Operation angegriffen.
Stattdessen erklärte Centcom, die Videoaufnahmen seien mit einer iranischen Hoveyzeh-Marschflugkörper vereinbar.
US Navy Captain Tim Hawkins sagte, der gezeigte Flugkörper wirke „etwa doppelt so lang“ und entspreche eher den Dimensionen und der Silhouette einer Hoveyzeh-Rakete. Zugleich betonte Centcom, US-Streitkräfte griffen keine Zivilisten an.
Als BBC Verify die US-Streitkräfte später mit der Expertenanalyse konfrontierte, hieß es lediglich, man habe der ursprünglichen Stellungnahme nichts hinzuzufügen.
Experten: Sichtbare Merkmale passen nicht zur Hoveyzeh
Mehrere Fachleute widersprechen der US-Einschätzung deutlich. Der zentrale Punkt: Die Hoveyzeh-Marschflugkörper besitzt charakteristische Merkmale, die auf dem Video nicht zu erkennen seien.
Amael Kotlarski von der Analysefirma Janes erklärte, die Hoveyzeh verfüge über:
- ein unter dem Rumpf montiertes Triebwerk,
- sowie mittig angebrachte Tragflächen.
Diese Bauteile müssten – unabhängig vom Blickwinkel – sichtbar sein. Genau das sei in den Aufnahmen aber nicht der Fall.
Ein weiterer Munitionsfachmann von McKenzie Intelligence erklärte ebenfalls, der auf dem Video erkennbare Flugkörper zeige weder Tragflächen noch ein außenliegendes Triebwerk. Stattdessen seien eher kleine Steuerflächen erkennbar, die mit einer PrSM übereinstimmen könnten.
Auch Trevor Ball von Bellingcat äußerte sich ähnlich und erklärte, Länge und Silhouette des Flugkörpers passten deutlich eher zu einer PrSM als zu einer Hoveyzeh-Rakete.
Art der Explosion spricht laut Experten für US-Waffe
Ein weiterer zentraler Punkt ist die Explosion in der Luft.
Auf den verifizierten Überwachungsaufnahmen ist zu sehen, dass der Flugkörper noch über einem Wohngebiet detoniert. Experten halten dies für typisch für eine sogenannte Airburst-Funktion, bei der eine Rakete bereits vor dem Aufprall explodiert, um Splitter großflächig zu verteilen.
Gerade dieses Merkmal gilt als charakteristisch für moderne Präzisionswaffen wie die US-PrSM.
Lockheed Martin, Hersteller der PrSM, beschreibt die Rakete als Waffe mit optimiertem Gefechtskopf, dessen Splitterwirkung gezielt die Flächenwirkung erhöhen soll.
Nach Einschätzung mehrerer Experten ist ein solches Explosionsmuster für die Hoveyzeh nicht bekannt. Diese gilt eher als Waffe mit klassischem Aufschlagzünder, die beim oder nach dem Treffer detoniert.
Spuren am Einschlagsort stützen Zweifel
Auch Bilder vom Ort des Angriffs nähren Zweifel an der US-Version.
Aufnahmen nach dem Einschlag zeigen laut Experten:
- zahlreiche kleine, dicht beieinanderliegende Einschlagsspuren an Wänden und am Boden,
- ein Muster, das zu einer Splitterladung nach Luftdetonation passen soll.
Ein Analyst von McKenzie Intelligence sprach von typischen „Zeugenmarken“ einer Fragmentierungsmunition.
Kotlarski von Janes erklärte, das Schadensbild deute auf ein technisches Niveau hin, das man bei iranischen Marsch- oder ballistischen Raketen bisher so nicht beobachtet habe.
BBC Verify bestätigt drei Einschläge in Lamerd
Nach neuen Recherchen hat BBC Verify inzwischen bestätigt, dass es in Lamerd an diesem Tag drei separate Einschläge gab:
- an einer Sporthalle,
- in einem Wohngebiet,
- sowie nahe einer Bildungseinrichtung.
Experten halten es zwar grundsätzlich für möglich, dass eine iranische Rakete versagt oder vom Kurs abkommt. Dass jedoch mehrere iranische Flugkörper gleichzeitig im selben Gebiet in ähnlicher Weise fehlgehen, halten sie für äußerst unwahrscheinlich.
Ein Analyst von McKenzie Intelligence formulierte es so: Es sei „kaum glaubhaft“, dass mehrere iranische Marschflugkörper gleichzeitig über demselben Ort versagen.
Möglicher Zielpunkt: IRGC-Gelände neben Sporthalle
Als mögliches eigentliches Ziel wird ein nahegelegenes Gelände der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) genannt, das direkt an die Sporthalle grenzt.
BBC Verify wertete zahlreiche Fotos und Videos aus, fand jedoch bislang keine Aufnahmen, die auf erhebliche Schäden an diesem IRGC-Gelände hindeuten. Auch hochauflösende Satellitenbilder vom 9. März sollen keine sichtbaren Zerstörungen an der Anlage zeigen.
Zudem wurde bekannt, dass auch eine kleine Grundschule neben der Sporthalle beschädigt wurde.
Widerspruch auch bei US-Angriffskarte
Zusätzliche Fragen wirft laut BBC Verify eine frühere Veröffentlichung des US-Verteidigungsministeriums auf. Dort war eine Karte zu den ersten 100 Stunden des Krieges gezeigt worden, auf der US-israelische Angriffe und iranische Luftabwehrstellungen entlang der Südküste markiert waren – einschließlich des Gebiets um Lamerd.
Die israelischen Streitkräfte erklärten gegenüber BBC Verify dagegen, ihnen seien keine israelischen Angriffe in diesem Teil von Lamerd am 28. Februar bekannt.
Fazit: Offene Fragen bleiben
Der Fall Lamerd entwickelt sich damit zu einem besonders heiklen Beispiel für die Informationsschlacht rund um den Krieg.
Fest steht derzeit:
- Iran spricht von einem tödlichen Angriff auf zivile Ziele mit 21 Toten.
- Centcom bestreitet jede US-Beteiligung und verweist auf eine mögliche iranische Rakete.
- Mehrere unabhängige Experten halten diese Erklärung jedoch für technisch wenig überzeugend.
- Vieles deutet nach ihrer Analyse eher auf eine US-Präzisionswaffe hin.
Eine endgültige unabhängige Klärung steht bislang aus. Doch je mehr Material ausgewertet wird, desto größer werden die Zweifel an der offiziellen US-Darstellung.
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