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Ex-BND-Chef unter Spionageverdacht: Wenn der Geheimnisträger plötzlich selbst zum Geheimdienstfall wird

theweltt (CC0), Pixabay
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Ausgerechnet August Hanning: Der frühere Präsident des Bundesnachrichtendienstes sitzt nach Medienberichten im Visier der Ermittler. Mehr als 2.000 geheime Dokumente soll er sich über einen ehemaligen Mitarbeiter beschafft haben. Nun steht sogar der Verdacht im Raum, Informationen könnten für einen Geheimdienstmitarbeiter aus Aserbaidschan bestimmt gewesen sein. Willkommen in einer Geschichte, bei der selbst ein Drehbuchautor vermutlich gesagt hätte: „Das ist mir etwas zu dick aufgetragen.“

Von der Redaktion diebewertung.de | 6. Oktober 2026

Es gibt Berufe, bei denen man nach der Pensionierung besser nicht plötzlich auf der anderen Seite des Schreibtisches auftaucht.

Ein ehemaliger Steuerfahnder sollte beispielsweise nicht wegen Steuerhinterziehung Schlagzeilen machen.

Ein ehemaliger Bankvorstand möchte möglichst nicht wegen eines Bankraubs auffallen.

Und ein ehemaliger Präsident des Bundesnachrichtendienstes?

Nun ja.

Der sollte vielleicht nicht unbedingt unter Spionageverdacht geraten.

Doch genau diese bemerkenswerte Wendung nimmt derzeit der Fall des früheren BND-Präsidenten August Hanning.

Der heute 80-Jährige wurde festgenommen. Gegen ihn wird nach dem vorliegenden Medienbericht unter anderem wegen des Verdachts der landesverräterischen Ausspähung, des versuchten Landesverrats und geheimdienstlicher Agententätigkeit ermittelt.

Wichtig dabei:

Das sind schwere Vorwürfe, aber zunächst eben Vorwürfe.

Für Hanning gilt die Unschuldsvermutung.

Aber allein die Konstellation besitzt bereits genügend Ironie für mehrere Staffeln einer deutschen Geheimdienstserie.

Früher Chef des BND – heute Fall für die Ermittler

August Hanning kennt die Welt der Nachrichtendienste nicht aus Netflix-Dokumentationen.

Er stand selbst an der Spitze des Bundesnachrichtendienstes.

Ein Mann also, dessen berufliches Umfeld jahrzehntelang aus Informationen bestand, die normale Bürger vermutlich nicht einmal erfahren würden, wenn sie dreimal freundlich im Kanzleramt nachfragen.

Geheimnisse waren gewissermaßen sein Beruf.

Nun geht es ausgerechnet um die Frage, was Hanning nach seiner aktiven Zeit mit geheimen Informationen gemacht haben könnte.

Mehr als 2.000 Dokumente soll er sich nach Darstellung der Ermittler über seinen früheren Büroleiter Manfred D. beschafft haben.

Darunter sollen sich auch Verschlusssachen befunden haben.

2.000 Dokumente.

Andere Menschen sammeln im Ruhestand Briefmarken.

Manche bauen Modelleisenbahnen.

Wieder andere sortieren Urlaubsfotos.

Bei einem ehemaligen Geheimdienstchef scheint die mögliche Freizeitgestaltung offenbar etwas anspruchsvoller gewesen zu sein.

Zumindest wenn sich die Vorwürfe bestätigen sollten.

Der frühere Büroleiter soll geliefert haben

Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht neben Hanning sein ehemaliger Büroleiter Manfred D.

Nach bisherigen Erkenntnissen soll dieser Hanning bis zum Jahr 2022 gegen Bezahlung Tausende Unterlagen aus dem BND beschafft haben.

Auch gegen ihn laufen Ermittlungen.

Die Konstruktion klingt fast wie ein schlecht beratenes Start-up:

BND-Unterlagen auf Bestellung – Ihr ehemaliger Büroleiter liefert.

Selbstverständlich ist derzeit offen, welche Dokumente tatsächlich weitergegeben wurden, welchem Geheimhaltungsgrad sie unterlagen und wofür sie konkret verwendet worden sein sollen.

Doch die Ermittler gehen offenbar davon aus, dass Hanning solche Unterlagen für eine Analyse genutzt haben könnte.

Und genau an dieser Stelle wird aus der ohnehin bemerkenswerten Geschichte ein ausgewachsener Geheimdienstkrimi.

Plötzlich taucht Aserbaidschan auf

Nach dem zitierten Medienbericht prüfen die Ermittler, ob diese Analyse für einen Mitarbeiter eines ausländischen Nachrichtendienstes bestimmt gewesen sein könnte.

Als mutmaßlicher Auftraggeber wird dabei ein Geheimdienstmitarbeiter aus Aserbaidschan genannt.

Damit hätten wir dann praktisch alle Zutaten zusammen:

Ein ehemaliger deutscher Geheimdienstchef.

Sein ehemaliger Büroleiter.

Tausende geheime Dokumente.

Geld.

Ein ausländischer Geheimdienst.

Und Aserbaidschan.

Fehlt eigentlich nur noch ein USB-Stick, der versehentlich in einem Berliner Taxi liegen bleibt.

Doch gerade an dieser Stelle muss man bei aller Satire sehr genau bleiben:

Ob das betreffende Dokument tatsächlich an einen ausländischen Geheimdienst übermittelt wurde, ist nach dem vorliegenden Bericht Gegenstand der Ermittlungen.

Es ist also keineswegs bewiesen, dass Hanning Geheimnisse an Aserbaidschan weitergegeben hat.

Ausgerechnet der ehemalige Chef

Sollten sich die Vorwürfe allerdings bestätigen, hätte der Fall eine politische Dimension, die weit über Hanning hinausgeht.

Denn ein ehemaliger BND-Präsident ist kein gewöhnlicher Pensionär mit einem besonders interessanten Lebenslauf.

Menschen in solchen Spitzenpositionen besitzen enormes Wissen.

Sie kennen Strukturen.

Sie kennen Abläufe.

Sie kennen Personen.

Sie wissen, wie Nachrichtendienste arbeiten, welche Informationen wichtig sind und welche Informationen für ausländische Dienste besonders interessant sein könnten.

Der Präsident eines Geheimdienstes ist schließlich gewissermaßen der Mann, bei dem beruflich die Geheimnisse zusammenlaufen.

Wenn ausgerechnet gegen einen solchen ehemaligen Spitzenbeamten wegen möglicher geheimdienstlicher Agententätigkeit ermittelt wird, entsteht eine geradezu groteske Situation:

Der frühere Chef der Spione wird selbst zum Gegenstand einer Spionageermittlung.

Das schafft nicht einmal Loriot besser.

Früher warnen – heute selbst Verdächtiger

Besonders pikant ist, dass Hanning über Jahre öffentlich als Sicherheitsexperte auftrat.

Ehemalige Geheimdienstchefs besitzen schließlich einen erheblichen Vorteil:

Wenn sie etwas sagen, klingt es automatisch ein bisschen so, als wüssten sie noch drei Dinge mehr, die sie leider nicht erzählen dürfen.

Das gehört praktisch zur Berufsbezeichnung.

Man tritt im Fernsehen auf.

Man warnt.

Man analysiert.

Man erklärt die geopolitische Lage.

Und der Zuschauer denkt:

„Der Mann wird schon wissen, wovon er spricht.“

Nun beschäftigen sich offenbar Ermittler mit der Frage, mit wem Hanning selbst gesprochen haben könnte.

Das ist eine Karrierewendung, die vermutlich in keinem Ruhestandsratgeber des öffentlichen Dienstes vorgesehen ist.

Verbindungen nach Aserbaidschan waren bekannt

Völlig aus dem Nichts kommt die Verbindung zu Aserbaidschan offenbar nicht.

Hanning gehörte früher dem Vorstand des Deutsch-Aserbaidschanischen Forums an.

Das allein beweist selbstverständlich überhaupt nichts.

Mitgliedschaften in Organisationen oder persönliche Kontakte sind kein Beleg für geheimdienstliche Tätigkeit.

Doch im Zusammenhang mit den aktuellen Ermittlungen dürfte genau diese Verbindung nun besonders intensiv betrachtet werden.

Geheimdienstarbeit lebt schließlich von Netzwerken.

Ermittlungsarbeit allerdings auch.

Deutschlands Geheimnisse – jetzt möglicherweise mit Rechnung?

Sollte sich zudem bestätigen, dass für die Beschaffung interner Dokumente tatsächlich Geld geflossen ist, bekommt die Geschichte eine weitere bemerkenswerte Ebene.

Denn Verschlusssachen des Bundesnachrichtendienstes sind eigentlich nicht als kostenpflichtiger Newsletter für ehemalige Führungskräfte gedacht.

Man darf davon ausgehen:

„BND Premium – jetzt 2.000 Geheimdokumente herunterladen“ war kein offizielles Angebot der Bundesregierung.

Auch einen Seniorenrabatt dürfte es nicht gegeben haben.

Deshalb wird entscheidend sein, welche Unterlagen tatsächlich beschafft wurden, ob Hanning dazu berechtigt war, was er damit gemacht haben soll und ob Informationen tatsächlich für Dritte bestimmt waren.

Erst daraus ergibt sich die strafrechtliche Dimension.

Vielleicht braucht der BND bald ein neues Formular

Unabhängig vom Ausgang des Verfahrens könnte der Fall schon jetzt zu einigen unangenehmen Besprechungen in deutschen Sicherheitsbehörden führen.

Möglicherweise lautet die nächste interne Dienstanweisung:

„Bitte beim Ausscheiden aus dem Dienst Schlüsselkarte, Diensthandy, Laptop und sämtliche 2.000 Geheimdokumente am Empfang abgeben.“

Darunter:

☐ Schlüssel zurückgegeben
☐ Dienstausweis zurückgegeben
☐ Laptop zurückgegeben
☐ Zugangscodes gelöscht
☐ Keine Verschlusssachen für spätere Beratertätigkeit mitgenommen
☐ Keine Analyse für fremde Geheimdienste geplant

Unterschrift.

Stempel.

Drei Durchschläge.

Deutschland wäre schließlich nicht Deutschland, wenn sich selbst ein Geheimdienstskandal nicht mit einem zusätzlichen Formular bekämpfen ließe.

Der Fall ist trotzdem alles andere als lustig

Hinter der absurden Konstellation steckt allerdings ein ausgesprochen ernster Vorwurf.

Sollten tatsächlich vertrauliche oder geheime Informationen eines deutschen Nachrichtendienstes unbefugt beschafft und für einen ausländischen Geheimdienst verwendet worden sein, wäre das ein schwerwiegender Vorgang.

Gerade ehemalige Spitzenbeamte besitzen aufgrund ihrer früheren Tätigkeit besondere Kenntnisse und Kontakte.

Der Staat muss deshalb darauf vertrauen können, dass Geheimhaltungspflichten nicht mit dem Eintritt in den Ruhestand enden.

Die zentrale Frage lautet deshalb nicht, ob diese Geschichte grotesk klingt.

Sondern:

Was ist tatsächlich passiert?

Welche Unterlagen wurden beschafft?

Wer hat dafür bezahlt?

Wer kannte ihren Inhalt?

Wofür wurde die erwähnte Analyse erstellt?

Und hat sie Deutschland tatsächlich verlassen?

Darauf müssen die Ermittlungen Antworten liefern.

Unser Fazit: James Bond hätte vermutlich diskreter gearbeitet

Die Geschichte um August Hanning besitzt eine Ironie, die man kaum erfinden könnte.

Ein ehemaliger Präsident des deutschen Auslandsnachrichtendienstes wird festgenommen – und gegen ihn wird wegen möglicher geheimdienstlicher Tätigkeit ermittelt.

Tausende BND-Dokumente sollen eine Rolle spielen.

Ein ehemaliger Büroleiter ist ebenfalls im Visier der Justiz.

Und nun prüfen Ermittler offenbar auch noch eine mögliche Verbindung zu einem Geheimdienstmitarbeiter aus Aserbaidschan.

Das klingt weniger nach deutschem Behördenalltag als nach:

„Tatort: Pullach – Der Spion, der aus dem Ruhestand kam.“

Oder vielleicht:

„James Bond 007 – Keine Zeit für Datenschutz.“

Bei aller Satire bleibt aber der entscheidende Satz:

Hanning ist nicht verurteilt. Die Ermittlungen laufen, und die gegen ihn erhobenen Vorwürfe müssen bewiesen werden.

Sollten sie sich als falsch herausstellen, wäre die Geschichte für den ehemaligen BND-Chef eine enorme Belastung gewesen.

Sollten sie sich dagegen bestätigen, müsste Deutschland über eine ziemlich unangenehme Frage diskutieren:

Wie schützt ein Geheimdienst eigentlich seine Geheimnisse, wenn ausgerechnet ehemalige Spitzenleute Zugang zu Material bekommen können, das sie längst nicht mehr besitzen sollten?

Bis diese Frage beantwortet ist, bleibt nur eine Erkenntnis:

Beim Bundesnachrichtendienst scheint derzeit niemand sagen zu können, dass der Job nach der Pensionierung langweilig wird.

Andere Rentner machen Kreuzfahrten. Beim BND beginnt möglicherweise erst dann die zweite Staffel.

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