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Erste Alzheimer-Therapie in Österreich gestartet – Hoffnungsschimmer mit Grenzen

geralt (CC0), Pixabay
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Erstmals wird in Österreich ein neuartiges Medikament gegen Alzheimer verabreicht: Der monoklonale Antikörper Lecanemab, den die EU-Kommission im April zugelassen hat, soll das Fortschreiten der Demenz deutlich verlangsamen. Im Wiener AKH haben nun die ersten Patientinnen und Patienten die Infusionen erhalten – ein europäisches Novum.

Wirkmechanismus: Angriff auf Eiweißablagerungen

Alzheimer geht mit dem Absterben von Nervenzellen im Gehirn einher, hervorgerufen durch sogenannte Amyloid-beta-Plaques. Genau hier setzt Lecanemab an: Der Antikörper bindet die Eiweißablagerungen, löst eine Immunreaktion aus und sorgt dafür, dass die Plaques abgebaut werden. „Nach 18 Monaten Therapie ist das Amyloid-beta im Gehirn nahezu vollständig verschwunden“, erklärt Elisabeth Stögmann, Neurologin an der MedUni Wien.

Verlangsamen, nicht heilen

Trotz der spektakulären Wirkung ist Lecanemab keine Heilung. „Wir sehen, dass das Fortschreiten der Erkrankung im Schnitt um etwa 30 Prozent verzögert wird“, so Stögmann. Das bedeutet, dass Betroffene länger ihren Alltag bewältigen können, bevor die Krankheit in ein schwereres Stadium übergeht.

Die Therapie ist jedoch nur für eine kleine Gruppe von Patientinnen und Patienten geeignet – und ausschließlich im Frühstadium der Erkrankung. Voraussetzung ist ein eindeutiger Nachweis von Amyloid-beta im Gehirn, der nur über aufwendige Verfahren wie MRT oder Liquor-Untersuchungen erbracht werden kann.

Strenge Auswahl und Nebenwirkungen

Neben der frühen Diagnose gibt es weitere Hürden: Menschen mit der genetischen Risikovariante ApoE4 in doppelter Ausführung oder solche, die blutverdünnende Medikamente einnehmen, sind von der Therapie ausgeschlossen. Grund sind mögliche schwerwiegende Nebenwirkungen wie Hirnschwellungen oder Hirnblutungen, die engmaschig überwacht werden müssen.

Im AKH wird Lecanemab über 18 Monate hinweg alle zwei Wochen per Infusion verabreicht, anschließend folgt eine monatliche Erhaltungsdosis. Parallel sind regelmäßige MRT-Kontrollen vorgeschrieben.

Neue Wirkstoffe in Sicht

Mit Donanemab steht bereits ein weiteres Medikament in den Startlöchern. Auch dieser Antikörper wirkt gegen Amyloid-beta, allerdings an einer anderen Stelle des Ablagerungsprozesses. Donanemab muss nur monatlich verabreicht werden und könnte laut Hersteller sogar nach zwölf Monaten abgesetzt werden. Ob sich dieser optimistische Ansatz in der Praxis bestätigt, ist allerdings noch unklar. Die finale EU-Zulassung steht noch aus.

Hoffnung, aber kein Durchbruch

Für Österreichs rund 100.000 Alzheimer-Betroffene bedeutet Lecanemab einen wichtigen Fortschritt – aber keinen Durchbruch. Geeignet ist die Therapie nur für wenige, bei denen die Krankheit früh und präzise erkannt wird. „Wir müssen diese Menschen finden“, sagt Stögmann. „Denn nur dann können wir ihnen rechtzeitig helfen.“

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