Wer künftig auf das Dach der Welt will, muss erst einmal auf einem etwas niedrigeren Dach üben. Nepal hat genug von Gipfelstürmern mit Selfiestick und Höhenwahn – und führt eine Art „Everest-Führerschein“ ein.
Das neue Tourismusgesetz schreibt vor: Wer den Mount Everest erklimmen will, muss zuvor einen Siebentausender in Nepal bestiegen haben. Also erst Hausberg, dann Weltrekord. Die Devise lautet offenbar: Vom Hügelhelden zum Himalaya-Profi – bitte in Etappen.
Die Nationalversammlung hat das Gesetz einstimmig verabschiedet. Ziel: mehr Sicherheit, weniger Chaos – und wenn möglich auch noch ein bisschen mehr Geld im Land behalten. Denn natürlich zählen nur Berge innerhalb Nepals. Wer also irgendwo anders schon mal hochgekraxelt ist, darf das gern ins Familienalbum kleben – für die Everest-Genehmigung hilft es nichts.
Zwei Fliegen, ein Achttausender
Mit der Regelung will Nepal gleich mehrere Probleme angehen: Unerfahrene Abenteurer sollen vom höchsten Berg der Welt ferngehalten werden, Rettungsdienste entlastet und die Umwelt geschont werden. Und ganz nebenbei werden nun auch Expeditionen auf weniger berühmte Siebentausender wie Himlung oder Baruntse beworben. Praktisch: Wer unbedingt hoch hinaus will, darf erst einmal woanders schwitzen.
Neu ist auch, dass künftig nicht nur die Bergsteiger, sondern auch das lokale Personal ein aktuelles Gesundheitszeugnis vorlegen müssen. Außerdem wird ein detaillierter Kletterplan verlangt. „Ich schau mal, wie weit ich komme“ reicht dann also nicht mehr.
Everest – der überfüllte Gipfel
Seit der Erstbesteigung 1953 ist der Everest vom Mythos zum Massenphänomen geworden. Jedes Jahr pilgern Hunderte Menschen aus aller Welt hinauf – manche mit beeindruckender Vorbereitung, andere offenbar mit beeindruckendem Selbstvertrauen. Überfüllte Routen, Staus in eisigen Höhen und immer wieder tödliche Unfälle sind die Folge.
Rund 340 Todesfälle zählt die Himalayan Database seit 1921. Viele der Verunglückten liegen noch immer am Berg – teils, weil eine Bergung unmöglich ist. Durch das Schmelzen von Eis tauchen immer wieder Überreste auf. Der Everest ist eben nicht nur ein Symbol für Triumph, sondern auch für die Schattenseiten des Höhenrauschs.
Bei einer Aufräumaktion 2024 wurden elf Tonnen Müll – und fünf Leichname – ins Tal gebracht. Wer also vom „reinen Naturerlebnis“ träumt, sollte wissen: Auch auf 8.848 Metern bleibt der Mensch nicht spurlos.
Noch eine Saison ohne „Gipfel-Vorkurs“
Ganz sofort gilt die neue Regel allerdings nicht. Der Gesetzesentwurf muss noch weitere Stationen durchlaufen, bevor er endgültig in Kraft tritt. Wer also schnell ist – und sich das Siebentausender-Training sparen möchte –, kann die kommende Saison noch unter den alten Bedingungen nutzen.
Danach heißt es: Erst mal auf anderen Gipfeln üben. Vielleicht gar keine so schlechte Idee – schließlich läuft auch niemand einen Marathon, nur weil er einmal um den Block gejoggt ist.
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