Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat die Entscheidung Israels, die abtrünnige Region Somaliland als unabhängigen Staat anzuerkennen, scharf zurückgewiesen. Bei einem Besuch im benachbarten Äthiopien warnte Erdogan vor einer weiteren Destabilisierung des ohnehin fragilen Horns von Afrika.
Israel hatte im Dezember als erstes Land überhaupt Somaliland offiziell anerkannt. Die Region hatte bereits 1991 ihre Unabhängigkeit von Somalia erklärt, wird international jedoch bislang nicht als souveräner Staat anerkannt. Die Regierung in Mogadischu betrachtet Somaliland weiterhin als Teil ihres Staatsgebiets und reagierte empört auf den Schritt Israels.
„Kein Schlachtfeld fremder Mächte“
Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed in Addis Abeba sagte Erdogan: „Das Horn von Afrika sollte nicht zum Schlachtfeld ausländischer Kräfte werden.“ Die Länder der Region müssten ihre Probleme selbst lösen.
Das Außenministerium von Somaliland wies Erdogans Äußerungen zurück und forderte die Türkei auf, die Spannungen in der Region nicht weiter anzuheizen. Ankara hat sich in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen geopolitischen Akteur am Horn von Afrika entwickelt.
Alte Konflikte, neue Spannungen
Die Kontroverse um Somaliland ist nicht neu. Bereits vor zwei Jahren hatte Äthiopien Pläne angekündigt, einen Teil der somaliländischen Küste pachten zu wollen, um dort einen Hafen zu errichten. Somalia reagierte damals scharf. Erdogan vermittelte schließlich zwischen beiden Seiten, um eine Eskalation zu verhindern.
Äthiopien ist seit der Unabhängigkeit Eritreas im Jahr 1993 ohne eigenen Zugang zum Meer. Ministerpräsident Abiy Ahmed betonte in Addis Abeba erneut, es sei „nicht richtig“, dass ein Land mit mehr als 130 Millionen Einwohnern dauerhaft vom Meer abgeschnitten bleibe. Er sprach davon, Äthiopien dürfe kein „geografischer Gefangener“ bleiben.
Nachdem das Abkommen mit Somaliland 2024 gescheitert war, brachte Abiy wiederholt den eritreischen Hafen Assab ins Spiel, der nur rund 60 Kilometer von der äthiopischen Grenze entfernt liegt. Beobachter werten entsprechende Äußerungen als Drohung, notfalls auch militärisch vorzugehen.
Abiy erklärte, er habe Erdogan gebeten, diplomatischen Druck auszuüben und Äthiopien bei einem friedlichen Zugang zum Meer zu unterstützen.
Sorge vor neuem Konflikt in Tigray
Die aktuellen Spannungen fallen in eine Phase wachsender Unsicherheit in Nordäthiopien. In der Region Tigray, die an Eritrea grenzt, mehren sich Berichte über militärische Bewegungen. Während des Tigray-Krieges von 2020 bis 2022 hatten eritreische Truppen an der Seite der äthiopischen Armee gegen lokale Kräfte gekämpft. Die damaligen Allianzen gelten inzwischen als brüchig.
Ein erneuter Konflikt könnte die ohnehin angespannten Beziehungen zwischen Äthiopien und Eritrea weiter verschärfen. Beide Länder führten zwischen 1998 und 2000 einen verheerenden Grenzkrieg mit mehr als 100.000 Toten.
In Tigray berichten lokale Medien von wachsender Verunsicherung in den Städten. Banken sollen kein Bargeld mehr auszahlen können, und Staatsbedienstete hätten ihre Januargehälter nicht erhalten. Die wirtschaftliche Lage verschärft die ohnehin angespannte Stimmung zusätzlich.
Vor diesem Hintergrund könnte die Frage um Somaliland und der Zugang zum Meer zu einem weiteren Zündstoff in einer Region werden, die seit Jahrzehnten von politischen und militärischen Krisen geprägt ist.
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