Jeffrey Epstein liebte die Wissenschaft. Und die Wissenschaft – nun ja – liebte offenbar seine Insel, sein Flugzeug und sein Adressbuch.
Die nun veröffentlichten Epstein-Akten zeigen, dass der verurteilte Sexualstraftäter mit einer erstaunlichen Dichte an Nobelpreis-Anwärtern, Harvard-Koryphäen und sonstigen Denkgiganten korrespondierte. Zehn Prozent seiner engsten Mailkontakte kamen aus Wissenschaft und Medizin. Nur mit Financiers schrieb er noch häufiger. Prioritäten muss man eben setzen.
Insel der Erkenntnis
Fotos zeigen renommierte Forscher auf Epsteins Privatinsel Little Saint James, vertieft in Gespräche vor Kreidetafeln. Mathematiker, Molekularbiologen, Informatiker. Im Hintergrund tropische Idylle, im Vordergrund Weltformeln.
Dass auf derselben Insel über Jahre Minderjährige missbraucht wurden, war – nun ja – offenbar kein dominierendes Gesprächsthema zwischen Integralrechnung und Evolutionsdynamik.
Wie viel die Professoren wussten? Die Akten bleiben vage. Die E-Mails sind kryptisch. Und Kryptisches mögen Akademiker bekanntlich gern – es klingt nach Tiefe.
Mäzen mit Nebenwirkungen
Besonders eng war die Verbindung zum Harvard-Mathematiker Martin Nowak. Über 7.000 Mal taucht sein Name im Mailverkehr auf. 6,5 Millionen Dollar spendete Epstein 2003 für ein eigens für Nowak geschaffenes Institut – maßgeschneidert, mit kurzen Entscheidungswegen. Oder anders gesagt: ohne störende Mitbestimmung.
Epstein hatte sogar Schlüssel und ein Büro. Wer Fördermittel suchte, wusste: Man könne ja „mit Jeffrey sprechen“.
Normalerweise, so erklären Experten, existiere eine Art Feuermauer zwischen Universität und Geldgeber. Bei Epstein war diese Feuermauer offenbar eher eine dekorative Gartenlaterne.
Imagepflege deluxe
Epstein war vieles, aber nicht dumm. Forschung zu finanzieren ist eine der elegantesten Methoden zur Imagepolitur. Wer mit Professoren diniert, wirkt weniger wie ein verurteilter Sexualstraftäter und mehr wie ein missverstandener Philanthrop mit Faible für Stringtheorie.
Und für viele Wissenschaftler war es offenbar eine Win-win-Situation: Zugang zu Geld, Netzwerk, Prominenz – Manhattan-Palast inklusive.
Ruhm und Reichtum verführen, heißt es. Und offenbar auch Menschen, die beruflich erforschen, wie Menschen einander manipulieren.
„Bereue zutiefst“
Heute bereuen fast alle. Tief. Sehr tief.
Nowak erklärt, er habe das volle Ausmaß der Verbrechen erst 2019 erkannt – obwohl er Epstein 2008 im Gefängnis besucht hatte. Man wollte sich eben „ein persönliches Bild machen“.
Auch der österreichische Mathematiker Karl Sigmund traf Epstein zweimal – rein wissenschaftlich natürlich, bei Kaffee und Wiener Kreis. Der Privatjet mit Begleitung? Zufällige Randnotiz.
Wenn Genialität selektiv wird
Erstaunlich bleibt, wie viele hochintelligente Menschen über Jahre hinweg bemerkenswert wenig bemerkten. Menschen, die komplexe Modelle sozialer Interaktion entwickeln, übersahen offenbar sehr erfolgreich die Realität direkt neben der Kreidetafel.
Vielleicht war das Geld nicht einmal der Hauptgrund. Vielleicht war es das Netzwerk. Die Einladung ins „größte Haus in Manhattan“. Die Aussicht, Teil eines exklusiven Zirkels zu sein.
Und vielleicht auch die sehr menschliche Fähigkeit, sich selbst überzeugend zu erklären, warum das alles schon irgendwie in Ordnung sei.
Späte Konsequenzen
Einige Karrieren haben inzwischen Schrammen. Institute wurden geschlossen, Mitgliedschaften geprüft, Ämter niedergelegt.
Und plötzlich wird aus der „evolutionären Dynamik“ eine ziemlich klassische Geschichte:
Wenn Macht, Geld und Eitelkeit zusammenkommen, schrumpft moralische Klarheit manchmal schneller als ein Forschungsbudget nach einem Skandal.
Jetzt bereuen sie alle.
Die Insel bleibt.
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