Eine Mutter vor einem Supermarkt erschossen, ein Mann nach dem Moscheebesuch getötet, ein Arzt während seiner Arbeit in einer Klinik niedergeschossen – solche Fälle sind in Israel keine Einzelfälle mehr. Besonders betroffen ist die arabisch-palästinensische Minderheit des Landes.
Nach Angaben zivilgesellschaftlicher Organisationen wurde in diesem Jahr durchschnittlich eine Person pro Tag aus der Gemeinschaft der palästinensischen Staatsbürger Israels getötet. Diese stellen rund 20 Prozent der Bevölkerung. Bereits 2025 war mit 252 Todesopfern das bislang tödlichste Jahr für diese Bevölkerungsgruppe. Auch 2026 zeichnet sich ein besorgniserregender Trend ab.
Zugleich zeigen offizielle Daten deutliche Unterschiede bei der Strafverfolgung: Während laut Angaben aus dem israelischen Parlament rund 65 Prozent der Tötungsdelikte unter jüdischen Israelis aufgeklärt werden, liegt die Quote in arabischen Gemeinden bei etwa 15 Prozent.
Zehntausende Menschen protestierten zuletzt in mehreren Städten gegen die Gewalt und forderten entschlossenes staatliches Handeln. Demonstrationen, Streiks und landesweite Aktionstage richteten sich gegen ausbleibende Ermittlungsfortschritte und mangelnde Prävention.
Israels Präsident Isaac Herzog bezeichnete die Bekämpfung der Kriminalität in arabischen Gemeinden als „moralische Verpflichtung“ und nationale Priorität. Auch Polizeichef Daniel Levi sprach von einem „nationalen Notstand“.
Kritiker werfen der Regierung jedoch vor, jahrelange Vernachlässigung und strukturelle Benachteiligung hätten den Boden für organisierte Kriminalität bereitet. Unter der Aufsicht des rechtsextremen Sicherheitsministers Itamar Ben Gvir habe sich die Lage weiter verschärft, so Oppositionspolitiker und Bürgerrechtsorganisationen. Ben Gvir weist die Verantwortung zurück und verweist auf Investitionen in die Kriminalitätsbekämpfung.
Experten sehen in der anhaltenden Gewalt nicht nur ein Sicherheitsproblem, sondern auch ein Symptom sozialer Ungleichheit, mangelnder staatlicher Präsenz und schwindenden Vertrauens in Institutionen. Für viele betroffene Familien bleibt vor allem die Frage nach Gerechtigkeit – und nach einem wirksamen Schutz für ihre Gemeinden.
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